Beim Blick auf die zurückliegenden Transfer- geschehnisse der deutschen
CS-Teams konnte einem der legendäre Wahlkampfspruch des
Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in den Sinn kommen. Anstelle von
„Kinder statt Inder“ gilt für die elfte Pro Series Saison aber wohl
eher „Frische EAS-Spieler statt Finnen“. Denn was vor der aktuellen
Spielzeit abging, ähnelte durchaus der Debatte um die fehlenden
Fachkräfte in Deutschland, aus der auch Rüttgers Slogan entsprang.

naTu, die einzig „vernünftige Alternative“ für mTw?
|
Beim Blick auf die zurückliegenden Transfer- geschehnisse der deutschen CS-Teams konnte einem der legendäre Wahlkampfspruch des Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in den Sinn kommen. Anstelle von „Kinder statt Inder“ gilt für die elfte Pro Series Saison aber wohl eher „Frische EAS-Spieler statt Finnen“. Denn was vor der aktuellen Spielzeit abging, ähnelte durchaus der Debatte um die fehlenden Fachkräfte in Deutschland, aus der auch Rüttgers Slogan entsprang. So war das mTw-Management scheinbar gezwungen, das Risiko einzugehen, einen nicht-deutschsprachigen Spieler ins Team zu nehmen. Die Begründung: „Es gibt keine vernünftigen Alternativen unter den ex-EPS- und EAS- Spielern.“ Und während die Community-Geier, in freudiger Erwartung des Scheiterns, um das neue Team kreisen, nickten die anderen EPS-Teams diesen Wechsel ab. „Ich verstehe mTw.“, meint etwa Kapio. „Einfach weil es keinen guten Ersatz in Deutschland gibt.“ Es scheint also schlimm um den deutschen CS-Nachwuchs bestellt. Was aber hindert die Top10-Teams wirklich daran, statt der immer gleichen Gesichter frische Spieler aus der EAS zu holen?
In der EPS nichts Neues
Entgegen der Praxis früherer Artikel, zunächst einmal die harten Fakten: Bei den Teams, die in der letzten Saison schon in der EPS vertreten waren, gibt es genau zwei Neuverpflichtungen, die, aus der EAS kommend, das erste Mal in der EPS spielen: Qualle von a-L und blizker von Competo. Zwei von über sechzig Spielern. Das sind weniger als fünf Prozent. Dabei sind Qualle und sash lediglich Ersatzspieler. Einem einzigen Spieler schenkte man also das Vertrauen, auch als Neuling um die guten Plätze in der EPS zu kämpfen. Die restlichen EAS-Neulinge sind allesamt mit ihren Teams aus der Amateur Series aufgestiegen und werden zu kämpfen haben, genau dort nicht wieder zu landen. Für die finalambitionierten Teams scheinen frische Gesichter demnach keine Option zu sein. Als einer der wichtigsten Gründe wird stets der große Leistungsunterschied zwischen EPS und EAS genannt. Dieser sei so groß, dass frische Spieler in der höchsten deutschen Spielklasse zu Beginn quasi keine Chance hätten. „Man kann vom spielerischem Niveau die EAS gar nicht mit der EPS vergleichen.“, bestätigt Neu-Mouz Antonio „cyx“ Daniloski. „In der EPS wird viel klüger und abgeklärter gespielt als in der EAS.“ Selbst in Unterzahlsituationen behalte jedes mittelmäßige EPS-Team gegen ein Top3-EAS-Team die Oberhand, so Antonio.
Was den neuen Spielern fehle, sei EPS-Erfahrung. Wann immer man mit einem Verantwortlichen einer EPS-Mannschaft spricht, bekommt man dieses Schlagwort an den Kopf geworfen. EPS-Erfahrung. Doch auch für den Rookie cyx ist diese Routine unabdingbare Voraussetzung, um in den Kreis der guten Spieler vorzustoßen. „Alleine durch ihre Erfahrung können einige Spieler in der EPS spielen. Und das, obwohl sie ein sehr schlechtes Aiming haben. Natürlich ist Erfahrung nicht alles, aber es ist schon ein großer Baustein.“ Konkrete Namen möchte er aber lieber nicht nennen.
Die Angst vor der Unreife

cyx - Auch ohne Erfahrung an der deutschen Spitze
|
Es ist interessant, dass gerade Antonio diese Meinung vertritt. Schließlich war er es, der einen der steilsten Aufstiege in der EPS-Geschichte vollführt hat. Vor der letzten Saison als wenig bekannter Spieler aus der EAS zu 360eSports gewechselt, steht er nun im Line-Up des Spitzenteams mousesports. Von großer EPS-Erfahrung kann also keine Rede sein. Für Mouz ein gewagter Schritt. Denn die allseits geforderte Erfahrung bezieht sich nicht allein auf die spielerischen Fähigkeiten. Viele Clans schrecken vor der Verpflichtung weitgehend unbekannter Spieler zurück, da sie fürchten, einen zwar spielerisch talentierten, menschlich aber völlig unpassenden Spieler aufzunehmen. Genau darin liegt die Krux. Denn es ist nahezu unmöglich, die Persönlichkeit eines talentierten Spielers aus der EAS zu ergründen. Doch gerade die zwischenmenschliche Ebene ist in einem Spiel wie CS, in dem man nur in einem gut funktionierenden Team erfolgreich sein kann, beinahe so entscheidend wie die spielerische. Erst im festen Rahmen der EPS beweist ein Spieler den nötigen Willen und die dazugehörige Disziplin. Und erst hier ist es den Verantwortlichen möglich, durch den Kontakt untereinander und auf Grund der größeren Transparenz, nachvollziehbare Bewertungen einzelner Spieler einzufangen und sich dem entsprechend ein Urteil zu bilden.
Das alles ist in der, wie der Name schon verrät, Amateur Serie, kaum möglich. Es ist also auch die fehlende Möglichkeit der Beurteilung, die die großen Teams davor zurück schrecken lässt, einen Generationswechsel zu vollziehen. Das enge Korsett des Fünf-Mann-Lineups lässt es zudem nicht zu, einen neuen Spieler ab und zu die Chance zu geben, sich zu bewähren. Verpflichtet man einen Spieler, muss dieser auch dauerhaft eingesetzt werden. Die berühmte Katze im Sack.
|
Take hinter XlorD und Protois
|
Wie erfolgreich grund- sätzlich Nachwuchs- förderung im eSport sein kann, bewiesen das Projekt „SK 06“, bei dem unter der Fuchtel von Dennis „TaKe“ Gehlen junge WC3-Talente betreut wurden, und die Aufzucht des Spielers Maciej „av3k“ Krzykowski. Die Erfolge beider Projekte sind beachtlich. Av3k reifte mit Hilfe des Serious Gaming Gründers Bas Peeperkorn zu einem der weltbesten Duellspieler heran. Der Niederländer war so überzeugt von den Stärken des damals 14-jährigen Polen, dass er ihm nicht nur die Möglichkeit des Trainings in Amsterdam gab, sondern ihn sogar dazu animierte, Englisch zu lernen. Aus dem Projekt SK 06 entsprangen dagegen einige EPS-Spieler, mit Thurisaz und XlorD sogar zwei, die zukünftig wohl die deutsche WC3-Szene mitbestimmen werden. Entgegen aller Misstöne, wie etwa von Jan „Frogbender“ Dominicus, damals Manager des Mouz-Teams, der behauptete, „dass die Spieler, die im Moment dort spielen, nicht das Zeug haben, einen Miou bei SK zu ersetzen.“, wurde SK06 ein Paradebeispiel für erfolgreiche Talentförderung im eSport.
Mehr Mut zum Risiko

av3k - reif für seine
16 Jahre
|
Gerade für die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler war diese Förderung wichtig. Der ehemals unreife Thurisaz ist vielleicht erst durch den Rausschmiss bei SK zu dem relativ ruhigen Spieler geworden, der er jetzt ist. Und auch av3k wurde erst durch das Engagement von Peeperkorn zum gefürchteten und abgeklärten Duellanten, der vor hunderten Menschen auf einer Bühne trotz Hardwareproblemen sein früheres Idol Cooller beim Finale des ESWC in Paris besiegen konnte.
Natürlich ist eine solche Form der Unterstützung in einem Teamspiel wie CS gar nicht möglich. Nichtsdestotrotz sollten die genannten Beispiele die Verantwortlichen ermutigen, ähnliche Schritte zu wagen. In Schweden beweist derzeit eine Garde junger und zuvor wenig bekannter Spieler, wie richtig es sein kann, begabte und junge Leute in Teams zu integrieren. Dabei konnten Talente wie face oder GeT_RiGhT ihr Können nicht in irgendwelchen Ligen unter Beweis stellen. Einzelne LAN-Events waren es, auf denen sie auf sich aufmerksam gemacht haben. Genau über diesen Weg stieß Competo auch auf blizker. Auf der letzten Summit-LAN zeigte er in seinem damaligen Clan mystical lambda, übrigens Ursprung des ersten Mouz-CS-Teams, gute Leistungen. Damit überzeugte er den Leiter von Competo, Alexander „Bundy“ Huntenburg. „Ein paar ausgelutschte Spieler, die nur noch spielen, weil sie etwas Geld dafür kriegen waren für uns keine Alternative.“, beschreibt Bundy die Situation vor der EPS und spricht damit vielen aus der Seele. Schade, dass solche Offline-Events wie die Summit kaum eine Bedeutung mehr haben. Sie wären der geeignete Arbeitsplatz für die Scouts der großen Clans.
Viel Erfahrung, wenig Leidenschaft
Auch wenn blizker, wie er selbst sagt, noch nicht auf dem Level von night oder crash ist, seine Leistung zuletzt gegen pod bewiesen, welche Fähigkeiten auch ein solch unerfahrener Spieler abrufen kann. Erfahrung ist wichtig, aber längst nicht alles. Das Schreckgespenst des undisziplinierten Frischlings darf nicht immer Rechtfertigung für das Zurückgreifen auf die bekannten Spieler sein. Gerade die Leidenschaft ist es, die vielen gestandenen EPS-Spielern fehlt. Leute wie cyx und blizker strahlen auf Offline-Events eine Spielfreude aus, die man bei vielen anderen sehnlich vermisst. Man kann nur hoffen, dass es auch in dieser Saison ein Team wie 360esports geben wird, die beweisen, dass ein guter CS-Spieler mehr ist als blanke Erfahrung - oder wie Clanchef Bundy es formuliert: „Ein wenig brennen dürfen die Leute noch!“