Die Realität?
Spielekiller auf Kuschelkurs

Der Schlagring
Günther Beckstein hält eine Eröffnungsrede auf einem Gaming-Event; da kann man sich als geneigter E-Sport-Interessierter das Schmunzeln kaum verkneifen. Sein Ansehen in der Community rangiert seit Jahren auf Level Null. Kein Wunder, gab doch der Politiker in einem Interview zu Protokoll: „Wir müssen bestimmte Grenzen ziehen. Die sehe ich zum Beispiel bei Kinderpornographie, Anleitungen zum Bombenbau oder bei Killerspielen.“ Wer Kinderpornographie und Killerspiele auf eine Ebene stellt, kann keinen Applaus erwarten. Trotzdem wurde Beckstein nicht müde, medienwirksam mit dem Begriff Killerspiel hausieren zu gehen und somit vielen Spielern vor den Kopf zu stoßen und bei Unwissenden falsche Informationen zu streuen. Auch in der Rede von Montag bediente er sich wieder seines Totschlagarguments: die Amokläufer von Littleton, Erfurt und Emsdetten seien leidenschaftliche Zocker von Ego-Shootern wie Doom oder Half-Life gewesen. „Ein Shooter hat meistens kein gutes Ego“, folgert Beckstein. Übertragen heißt das: der Großteil der Counter-Strike-Spieler hat nach seiner Definition ein böses Wesen und ist potenzielles Risiko für seine Mitmenschen.
Der Samthandschuh
Nun ist Herr Beckstein aber nicht mehr bayerischer Innenminister, sondern Ministerpräsident. Als solcher darf er nicht blind in eine Richtung schlagen und ein anderes wichtiges Ressort außer Acht lassen. Mit der anderen Hand muss er sich zum Beispiel um die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes sorgen. Die Wirtschaftsberater von PricewaterhouseCoopers prognostizieren dem Videospielsektor in Deutschland nämlich ein überdurchschnittliches Wachstum von fast 10 Prozent bis 2011. Natürlich will auch Bayern ein Stück von dem Kuchen. Dafür sind ihm die Gamer wieder gut genug. Auf der Munich Gaming umschmeichelte er sodann schamlos die Spielehersteller und Publisher und warb eifrig für die Landeshauptstadt: „München ist der ideale Gamesstandort – hier treffen Kunst, Kreativität und High-Tech aufeinander.“ Daher sei die Stadt gleichzeitig bestens geeignet als Verleihungsort für den Deutschen Computerspielpreis. Auch wenn ihm die Killerspiele ein Dorn im Auge sind, die Branche entwickelt sich ungemein, sodass er das Zukunftspotenzial und die resultierenden Arbeitsplätze nicht leugnen kann. Es standen also zwei Becksteins am Rednerpult. Der eine versuchte die Spieleindustrie zu umgarnen, der andere auf seine Herzensangelegenheit Killerspiele aufmerksam zu machen.
Um das Buhlen um die Spieleindustrie mit seiner Haltung zu Killerspielen zu vereinen, forderte Beckstein zur Kooperation beim Jugendschutz auf: „Ziehen wir gemeinsam an einem Strang, denn Gewaltspiele haben in unseren Kinderzimmern nichts zu suchen.“ Die Branche sei gefordert, sich mit den kritischen Aspekten auseinander zu setzen und ihre Kreativität und Innovation nicht nur auf die Inhalte zu konzentrieren, sondern auch auf Schutzmaßnahmen. Nur dann könne die Politik im erwarteten Maße ihre Unterstützung zusagen. Unter den sogenannten kritischen Aspekten versteht der Ministerpräsident etwa die Vernachlässigung sozialer Kontakte und gesteigertes Aggressionsverhalten durch Gewaltspiele.
Die Wissenschaft
Sicherlich birgt Computerspielen Gefahren, genau wie vieles andere Vergleichbare auch. Nur scheint es ihm im wahrsten Sinne des Wortes eine Herzensangelegenheit zu sein, weil mit Köpfchen hat das alles wenig zu tun. Gerade beim Thema Gaming zu verallgemeinern oder zu dämonisieren ist gefährlich und einfach zugleich, denn der unwissende Hörer saugt die Informationen auf wie ein Schwamm. Verlust sozialer Kontakte? Laut einer Jugendstudie von Microsoft und MTV hat ein durchschnittlicher Jugendlicher etwa 35 Freunde, davon sind 11 reine Online-Freunde. Für Herrn Beckstein wären es also wahrscheinlich 24. Selbst dann aber noch eine Zahl ohne Anlass zur Sorge. Spiele machen gewalttätig? Hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Einer Publikation der FU Berlin zufolge suchen sich Jugendliche die Spiele aus, die zu ihrer Persönlichkeit passen. „Nicht die Spiele machen Kinder aggressiv, sondern aggressive Kinder bevorzugen brutale Spiele“, zitiert die aktuelle GameStar Prof. Maria von Salisch.
Die Realität
Mit einem rationalen Blick auf die scheinbare Problematik, gestützt auf wissenschaftliche Ergebnisse, wird also schnell klar, dass Beckstein mit seinem Lösungsvorschlag an der komplett falschen Stelle ansetzt. Es werden vermeintliche Tatsachen herbeigeredet, um sich selbst im Nachhinein als Heilsbringer hinstellen zu können. Keine Frage, Jugendliche und besonders Kinder müssen geschützt werden. Aber mit einem Verbot aller Killerspiele, worunter nach Günther Becksteins Einschätzung wohl auch Titel wie Half-Life fallen, ist keinem geholfen. Wichtiger wäre es endlich die Augen zu öffnen, für die Wurzeln der Problematik. Das exzessive Spielen von übertrieben gewalthaltigen Games ist höchstens Symptom, aber nicht Grund für etwaiges Fehlverhalten. Dass indizierte Spiele von Jugendlichen ausprobiert werden, fällt aber in den allermeisten Fällen in die Kategorie Neugier – simpel und harmlos.
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csc, geschrieben am 11.04.2008 11:25:27
















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