Die Gaming-Szene ist tot!
Die Gaming-Szene ist tot!
Es liegt bereits einige Jahre zurück, als der eSport noch gar nicht diesen Namen trug und die Topspieler nicht einmal ein Gehalt bekamen und als sich noch die „Waterjoe Girls" auf großen Lan-Partys zeigten und Preisgelder fast Nebensache waren. Und es waren die Zeiten, als die Redakteure vom Clan „esu" noch stolz ihre Clanshirts mit Signatur und Trikotnummer trugen und dieser mit ihrem „esu-Radio" mehr als 2000 Zuhörer gleichzeitig in den IRC Channel bewegen konnten. Auch zu diesen Zeiten gab es Momente, als die Bettgeschichten namenhafter Clanmitglieder noch heißer diskutiert wurden als die Taktiken von CS-Maps oder Replays. Was waren das für Augenblicke, als die Spieler noch in der Nacht vor dem Finale durchzechten statt sich auf die alles entscheidende Partie vorzubereiten!
Dem mag entgegen gehalten werden, dass Rückblicke in die „gute alte" Vergangenheit meist geschönt dargestellt werden, was wohl unstrittig ist. Doch der eine oder andere Spieler oder Redakteur der „alten Garde", der auf Events wie der CPL Köln im bekannten Maritim Hotel im Jahre 2002 oder weiteren CPL Events verteilt in Europa oder auf WWCL Finals anwesend war (dort wurde sogar noch „Mr. & Mrs. CS" gewählt!), wird diese Textzeilen verstehen. Irgendwie war es damals anders.
Was viele junge Leser nicht wissen oder wissen können, da sie erst seit wenigen Monaten „dabei" sind: Früher war nicht alles aus Holz! Schon 2001/2002 wurden im Rahmen einer RTL2 Games-Show die Höhepunkte der CS-Meisterschaften gezeigt und die PC Action kürte den 1. Deutschen Meister (es war mTw). Und auch die Gamestar-Liga übertrug via Stream ins Internet das große Finale des CS-Turniers, in dem sich z.B. am 10.12.2000 TAMM und SBR auf de_aztec gegenüberstanden. Damals gab es noch keinen Spectator-Modus in der späten Beta Version von CS und die weibliche (!) Moderatorin Petra Schmitz musste bei jedem Rundenstart „kill" in die Konsole eingeben. Und selbst Interviews mit den damaligen „Stars", die sich gar nicht als solche sahen, waren auffallend lockerer. ( vgl dazu: zoggn.de ).
Auch die ESL richtete zu diesem Zeitpunkt als Lizenznehmer der CPL aus den USA die Turniere der CPL Europe in Städten wie Köln, Cannes oder Kopenhagen aus - mit dabei natürlich die Weltelite der Profi-Zocker. Die ersten EPS Finals wurden erst deutlich später im leicht versteckten Keller des Kölner Internetcafes Future-Point ausgetragen und am Flippchart wurden für Gewinnspiele noch Bilder gemalt. Es gab aber auch die WWCL Finals im Heide Park Soltau 2003, als die qualifizierten Clans und Spieler in dem „Weißen Haus"-Restaurant zusammenkamen und bis in die Abendstunden alkoholische Getränke auf den Tischen standen. Von Konkurrenzkampf war nichts zu sehen, dafür trafen sich Spieler, Redakteure und Organisatoren zu einer gemütlichen Zusammenkunft.
In diesen Jahren, den Anfängen der Professionalisierung, traf man sich auf den großen Lan-Partys wie der Summit in der Osnabrücker Stadthalle, der Slaughterhouse oder der Northcon. Der Spaß stand im Vordergrund der Veranstaltung. Klar, es ging auch um Punkte, Pokale und vielleicht auch Grafikkarten, aber das war eigentlich nicht der Hauptgrund für die vielen Kilometer Fahrt, die die meisten auf sich nahmen. Vielmehr freute man sich auf die Treffen und das Sehen und Gesehen werden.
Und auf eben solchen Veranstaltungen passierte das, was man als Freund von „Klatsch und Tratsch" als Szene oder Boulevard bezeichnen würde. Die bekannten Gesichter der Community verabschiedeten sich nicht in den Abendstunden in ihr Hotel, sondern blieben wie Jedermann vor Ort. Hier und da sah man sie genüsslich trinken oder gar heimlich unter dem Sofa versteckt mit einer bekannten weiblichen Persönlichkeit aus der deutschen Clanszene „tätscheln". Nicht umsonst schrieb der berühmt-berüchtigte Faust in seiner hart umstrittenen Kolumne Anfang 2004 über „Frauen im eSport" und deren Auswirkungen!!
Spätestens mit diesem Text platzte eine Bombe in mitten der Szene und einige Personen konnten daraufhin getrost ein paar Wochen das Internet ausgeschaltet lassen. Aber es gab auch andere Normalitäten zu beobachten: Spieler von den Topteams pennten angetrunken auf dem Fußboden unter ihrem Computer oder machten gar die Nacht durch. Auch ein Jay^Jay konnte mit seinem Videoteam von den Lan-Partys bewegte Bilder angeheiterter Persönlichkeiten filmen und mit Freundinnen von erfolgreichen Akteuren über Pornos reden. Das war vielleicht nicht professionell, aber das war natürlich und menschlich. Man war eine Familie und hielt irgendwie zusammen. Immerhin liegt der Ursprung der Gemeinsamkeiten bei dem Hobby „Computerspiele" und Freundschaften. Es war alles andere als ein Beruf, das Zocken und die Veranstaltungen waren eine Leidenschaft. Gespielt wurde nach Lust und Laune und nicht wie die heutigen asiatischen WCIII-Spieler es vormachen, wie eine 16 Stunden-Maschine. Das macht keinen Spaß mehr, so stellte es selbst Urgestein LaSH in seinem Abschiedsbrief fest. Abseits der Server und Maps fand eben die eigentliche Community statt.
Das alles gibt es heute nicht mehr. Die Events in der modernen Neuzeit des eSports bestehen nur aus Zeitplänen, Bühnenshow, Werbebannern und Fototeams. Wo aber sind die wirklichen und nicht gestellten Persönlichkeiten geblieben? Immerhin ist es genau das, egal, ob ein Wutausbruch eines Spielers ( legendär bleibt der des Chef-Koch mit seinem ganz persönlichen TV-Ausschnitt bei Sat1 ), die Bettgeschichte eines weiblichen Orgas oder echte Freundschaften, was die Szene doch auszeichnet und irgendwie lebendig hält. Die weltweit so gefeierte CGS trieb diese Entwicklung im vergangenen Jahr sogar soweit auf die Spitze, dass sie eSports regelrecht inszenierte. Wie Szenekenner Carmac bereits selbst erkannte, waren selbst die Cheerleader gestellt und ganze Ansprachen der Captains mussten mehrmals für die TV-Kameras durchgespielt werden. Die Spieler selbst wurden lediglich instrumentalisiert für eine große Action- und Unterhaltungsshow. Wutausbrüche, die ehrliche Emotionen und Reaktionen veranschaulichen, werden in diversen Ligen mit Strafpunkten geahndet - dafür gilt es immer schön zu lächeln. Und auch die hiesigen Veranstaltungen mutieren immer mehr zu bloßen Stuhlreihen hinter einer Leinwand und virtueller Glasscheibe. Statt „mittendrin" zu sein, ist der Besucher nur noch abhängig von Öffnungszeiten und Live-Acts.
Aber auch die Online-Community hat sich verändert. Wirkliche Szeneseiten mit persönlichen Inhalten, Skandalen oder auch mal humorvollen Beiträgen sind kaum noch zu finden. Zumindest berichten diese Seiten im Zuge der selbst ernannten „Professionalisierung im eSport Journalismus" nicht mehr über derartige Entgleisungen oder Themen. Stattdessen versucht man ernsthafte Meldungen und Inhalte zu gestalten. Aber öde und immer gleichklingende Interviews, langweilige Ankündigungen zum 37. Qualifier der Veranstaltung XYZ und wöchentliche Clanwechsel bieten jedenfalls wenig Zündstoff und sind doch sowieso nach fünf Minuten vergessen. Und Ergebnisse im Internet gibt es dank Matchticker hundertfach bis sich die Augen verdrehen.
Statt Ausrutschern, Storys und Beziehungen geht es nur noch um Preisgelder, Sponsoren und Hits. Bedeutet die Professionalisierung im so genannten eSport die Zerstörung und Entfremdung der Charaktere und natürlichen menschlichen Verhaltens der (Hobby)Zocker? Sind es nur noch Nicks und Dollars die interessieren, während die Veranstaltungen, das gemütliche Miteinander und feuchtfröhlichen Partys aussterben? Man könnte meinen, die einstigen Hobbyzocker sind nur noch Söldner und Content nur noch abgekupferte Werbung. Sollte es so sein, dann wäre das ein Rückschritt und dann kann man die Szene - wie ich sie kannte - als tot bezeichnen. Aber vielleicht ist dies ein normaler Wandel vom Schwarz-Weiß-Foto hin zum interaktiven Superspektakel. Irgendwann in ferner Zukunft verbringt der eSportler seine Zeit nur noch am heimischen TV und bekommt die Highlights der Begegnungen im Abendprogramm serviert. 5 Minuten Zusammenfassung statt Vorbereitung und Match. Welch tolle Entwicklung: Der eSport hat es geschafft! Aber wollen wir das überhaupt?
Conrad "csc" Conrad

















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