Tactical Ops: Crossfire
Kampf ums Überleben
In der Tat haben sich solche Spiele oder Größen wie die Quake-Reihe als Zugpferde in der fortschreitenden Professionalisierung bewiesen, schließlich repräsentieren die genannten Spiele ihr jeweiliges Genre an erster Stelle. Doch liegt gerade hier das vermeintliche Problem. Wie schon Charles Darwin seine Evolutionstheorie mit Hilfe ökologischer Nieschen begründete, ist es im Grunde übertragbar. Jedes Genre hat sein Spiel, für einen zweiten Titel ist nur selten Platz. Ob nun qualitativ hochwertiger oder nicht, ist nach einiger Zeit vollkommen irrelevant, denn die Community ist meist fixiert auf ihren Favoriten. Das Paradebeispiel ist natürlich Counter-Strike, welches sich aus einer Mod zum eSport Titel schlechthin entwickelte. Der Verlierer des Wettlaufs ist nurnoch den Wenigsten bekannt: Tactical Ops. Seit jeher stand das Spiel im Schatten seines großen Bruders. Statt einer weltweiten Fangemeinde sind die Anhänger nur noch rar gesät. Umso faszinierender scheint es, dass der harte Kern weiterhin an das Spiel glaubt und sich nicht beirren lässt. Auch Matthias „Int-2k" Theobald, Mitarbeiter des Tactical Ops: Crossfire DEV Teams, zeigt sich weiterhin zuversichtlich. So ist sich der sympathische Bayer sicher: Das Spiel hat eine Chance verdient, sein Schattendasein zu beenden.
Wie viele andere Meilensteine des eSports entwickelte sich auch Tactical Ops sehr langsam und getrieben durch die Innovation und Begeisterung seiner Anhänger. Zu Zeiten, als ein Unreal Tournament 99 noch zu den heißesten Turniertiteln zählte, feierte der Titel seine Geburtsstunde. Als Mod der UT-Reihe hatte das Spiel stets den unverwechselbaren Beigeschmack eines FPS-Shooters. Früher noch als SWAT bekannt wurde das Spiel dann mit Atari als Publisher unter dem Namen „Tactical Ops: Assault on Terror", als Retail Version auf den Markt geworfen. Die Movement- und Aimlastigkeit - ein klares Erbe seines Ursprungs - welche die markantesten Charakterzüge darstellen, legte das Spiel nie ab. Leider betrachteten die meisten Action-Fans das Spiel - zu Unrecht - als einen billigen Counter-Strike Abklatsch, da das Spielprinzip der Half-Life Mod doch sehr ähnelte. Völlig im Gegensatz zu CS betonten jedoch sämtliche Versionen stark die Action-Komponente und ganz anders als beim Konkurrenten, nahm die Strategie stets nur die Nebenrolle ein. So gelang der Sprung über den eigenen Schatten schlussendlich leider nie. Nichtsdestotrotz entwickelte sich das Fanprojekt zu einer der erfolgreichsten Mods der Shooter-Geschichte und konnte sich eine ansehnliche Fangemeinde schaffen, die das Spiel beständig vorantrieb. Mit dem 2006 angekündigten Umschwung auf „Tactical Ops: Crossfire" sollte jedoch eine vollkommen neue Ära beginnen. „Ich denke Viele erwarteten eine 1:1 Umsetzung von AOT, mit all seinen Rafinessen." sagt Int-2k im Gespräch mit mymtTw. Doch zunächst sollte sich das Spielgefühl, zu vieler Leute Missgefallen, erheblich ändern.
Der neue Titel bietet laut ihm eine Mischung aus sämtlichen alten Teilen der Reihe. „Nach dem Release waren viele Spieler begeistert, aber es wurden immer wieder Wünsche laut, die vom Team nur sehr langsam realisiert wurden." Kein Wunder, denn sämtliche Coder taten ihre Arbeit ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. „Stück für Stück zeigten sich die Haken des Spiels und das TO:C Team versuchte die Probleme zu lösen. Allerdings gingen die langen Entwicklungszeiten, Patchreleases und spärlichen Informationen an der Motivation der Spieler nicht spurlos vorüber und die Spielerzahlen sanken." Unter Hochdruck arbeitete das Team an den Problemen, doch Dank kam nur selten über die Lippen der Spieler. Auch Int-2k weiß, an der Motivation der Entwickler hängt die Zukunft des Spiels. Ein altes Lied, das schon unzählige Male Geschichte in der Welt des eSport schrieb, doch in diesem Falle den Tod eines historischen Titels bedeuten und dem Spiel ein jähes Ende bereiten könnte, sollten sich keine baldigen Lichtblicke zeigen.
Die Antwort ist eindeutig „Ja". Ausgeschöpft wurde das Potential von Tactical Ops: Crossfire bis heute jedoch nicht einmal ansatzweise. Die Entwickler servierten den Fans eine Mischung aus altbewährtem TO-Spielgefühl und neuen Ideen, im frischen Outfit. In vielerlei Hinsicht konnte die Neuerscheinung zu Beginn punkten. Verbesserte Sounds, ein grafisches Facelifting der Models oder die schöneren Nachladeanimationen änderten an der Spielmechanik nichts und brachten eine bis dato unerreichte Spieltiefe ins Geschehen. Auch Aiming und Movementspeed wurden von den ausgewählten Testern schon früh als gut befunden und dem Titel wurde das Potential eingeräumt, seinen Vorgänger abzulösen. Da waren allerdings auch andere Änderungen wie das überarbeitete Waffenaufgebot oder die eher spärliche Umsetzung von alten Maps, die von eingesessenen Hasen eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurden. Unterm Strich gab es dennoch überwiegend positives Feedback, ein vermeintlich gelungener Start für den Anwärter.
Trotzdem sollte sich ungeachtet des hohen zugemessenen Potentials rasch zeigen, dass anfängliche Bugs und Performance-Schwierigkeiten viele Spieler langfristig abschreckten. Um dem Trend des Serversterbens zu begegnen, ist das Entwicklerteam in den Monaten seit dem Release, unter großem Druck, mit der Feinarbeit beschäftigt und konnte schon viele der gängigen Probleme beheben. Jedes Spiel braucht seine Zuwendung, doch die meisten Spieler sind zum Vorgänger zurückgekehrt, haben sich gegen die neue Version entschieden - gibt man dem Titel seine verdiente zweite Chance? Kommt Zeit kommt Rat.
Spaß verdrängt Wettbewerb
Hinsichtlich des Wettbewerbs musste das Spiel über die vergangenen Monate und Jahre hinweg Abstriche machen. Zwar spielte die Mehrheit seit Eh und Jeh nicht des Erfolges, sondern des Spaßes wegen, doch gab es auch Zeiten, da wurde was Professionalität betraf nach vorne geschaut. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatten einst die ESL sowie die ClanBase, mit ihrem prestigeträchtigen Nations Cup. Besonders hervorzuheben ist jedoch der ständige Bezug zur Gamestar Liga, der dem Spiel ein wichtiges Rückgrat war. Sie bewies sich langfristig als Fundament des Spiels und damit als das Zugpferd der Tactical Ops Community. So war eines der größten Spektakel eines jeden Jahres das große Fiebern und Spekulieren über eine neue GSL-Saison. Mit einem großen Engagement kämpften einige Personen jede Saison aufs Neue für den Erhalt von TO:AOT in der wichtigsten Liga. Bis heute blieb die Multiplayer Sparte des renomierten Gaming-Magazins stets an der Seite von Tactical Ops und das obwohl vor allem nach dem Umstieg zum grafisch aufgepeppten Nachfolger die nachlassenden Spieleranzahlen den Shooter seinen Platz in den meisten Ligen kosteten, wo die Aktivität nicht mehr wünschenswert für die Betreiber war.
Doch des Einen Leid ist des Anderen Freud und so schiebt sich der Spaßfaktor mehr und mehr in den Vordergrund. Regelmäßige Spaßturniere werden auf den gängigen Szeneseiten angekündigt und erfreuen sich konstanter Teilnahme. Eine Bewegung, die der Counter-Strike Community gänzlich fehlt. Vielmehr stehen hier die Streitfälle um etwaige Punktverluste in Ligen im Vordergrund und der Alltag wird zur Protestschlacht - Leidtragende sind hier die Admins. Ganz anders Tactical Ops, hier kennen sich die Spieler meist persönlich und jahrelange Freundschaften untereinander sorgen für ein sehr angenehmes Klima. Die Entwicklung in Richtung Spielspaß ist der große Bonus, den das Spiel gegenüber seiner großen Konkurrenz mitbringt und mit dem es immer noch Spieler binden und faszinieren kann.
Ein Wendepunkt in der Entwicklung
Die Tendenz ist klar: In Richtung Professionalität bewegt sich leider nicht mehr viel. Trotz vieler innovativer Ideen und neuen Versionen ist die Konkurrenz, die vor allem von Valve herrührt, doch erdrückend und erstickt potentielle Fortschritte zumeist im Keim. Und das obwohl der Trend vor vielen Monaten aufwärts ging, zu Zeiten als die Entwicklung noch in den Sternen stand. Wahre Hoffnungsschimmer blitzten zwar nur zeitweise auf, doch nachdem sich die Retail Version von Assault on Terror 2002 etabliert hatte, stieg die Aktivität in den großen Ligen zunächst mehr und mehr, Sponsoren wurden häufiger und Spieler professioneller. Was die Wenigsten ahnten: Dem Spektakel sollte ein jähes Ende gesetzt werden. Der Umstieg auf Tactical Ops: Crossfire kam für die kleine Community dem sagenumwobenen Dolchstoß gleich. Ähnlich wie bei Counter-Strike trieb das neue Spiel einen Keil zwischen die Anhänger und zwei neue Lager spalteten sich auf. Während die konservativen Spieler am Alten festzuhalten versuchten, forderten die Stürmer und Dränger die Revolution. Weder Assault on Terror empfing die selbe Hingabe wie zuvor, noch gelang es dem neuen Titel, den Durchbruch zu schaffen. Programmierer, Redakteure und Spieler, hin- und hergerissen, standen mit einem Fuß im neuen und mit dem Anderen im alten Projekt. Mit gebündelter Kraft, die Spekulation sei gestattet, wäre der Um- oder auch Aufschwung im frischen Spiel geglückt, doch so bleibt nur die schmerzhafte Erinnerung an eine einst vereinte Community.

Wer sich die Kolumne unseres Chefredakteures Conrad „csc" Conrad zu Gemüte geführt hat, sollte hellhörig geworden sein. Was uns durch den vermeintlichen Fortschritt in Counter-Strike verloren ging, ist der letzte Funke Leben in Tactical Ops. Die Community ist klein, potentielle Preisgelder irrelevant, doch der Spaß am Spiel lebt weiter. eSport bleibt Leidenschaft, bleibt Spaß, es ist wie David gegen Goliath. Marcel „Buschi.bb" Bruns, PR-Zuständiger des offiziellen Entwicklungsteams, ist sich jedoch sicher - das Glimmen wird nicht versiegen: „Tactical Ops: Crossfire wird trotz kleiner Community am Leben bleiben. Da schaue man sich nur TO 2.2 an, das wird heute noch gespielt! Und das, obwohl es schon hundert Mal tot geredet wurde. Das ganze Team steht hinter dem Spiel und wir werden unsere Arbeit nicht einstellen." Die Entwicklung des elektronischen Sports zeigt, dass nicht selten eine Rückbesinnung zu alten Wertschätzungen erfolgte. Genau dort, wo das Spiel heute steht, liegen die Fundamente des professionellen Spielens, doch klafften dort im Verlauf der Modernisierung zwei einst vereinte Elemente weit auseinander. Während das Gegeneinander immer mehr betont wurde, ging das Miteinander stark verloren - der heutige Wettbewerb hat seinen Faccettenreichtum abgelegt und beschränkt sich nur allzu häufig auf den kalten Konkurrenzkampf. Nun als lachender Dritter könnte sich schon alsbald Tactical Ops beweisen, wo die Vereinbarkeit eben dieser Grundsätze des eSport noch immer Spieler der alten Schule in seinen Bann zieht. Wer mit Anhängern und Entwicklern spricht, sich auf das Spiel einlässt und es so akzeptiert wie es ist, bemerkt schnell, dass jener Funke Leben, getragen von der Beigeisterung, der Hingabe und dem Willen der Community, nicht erlöschen wird.





















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