"LOL" ist keine Emotion
Mehr Persönlichkeit bitte!
Biep-Biep-Biep! Fahr zur Hölle... - es ist sechs Uhr morgens. Verlockt von der Aussicht auf eine belebende Dusche, schleppe ich mich wankenden Schrittes ins Badezimmer. Grell reflektiert der Spiegel das künstliche Licht der Deckenbeleuchtung und bestätigt meinen gefühlten Zustand, leider.
Der große Abdruck auf meiner linken Backe könnte von meiner Leertaste stammen - muss aber nicht - allenfalls ein zugegeben dürftiger Ersatz für mein Kopfkissen. Zurück liegt ein ereignissreicher Abend. Unzählige Livestreams und Übertragungen des letzten großen Events sollten mir die Begegungen der Weltelite versüßen. Doch während besagte Elite mein Herz auf spielerischer Ebene höher schlagen ließ, bin ich mir auch am nächsten Tag noch immer nicht sicher, ob dort R2D2 und Konsorten oder Susiria und fnatic vor der Kamera posierten. Verzückt, einzig durch pre´s fabelhafte Analysen und zynischen Kommentare bin ich mir dennoch sicher - der Abend hat sich gelohnt. Das weitestgehende Fehlen von zügellosen Aufschreien und erhitzten Gemütern stört mich da nicht im Geringsten. Oder eben doch? Ausgelassenes Lachen, hitzige Diskussionen oder Freudenschreie gibt es nur abseits des Spielfelds - man ist ja schließlich Profi. Vielleicht ist es aber an der Zeit, einen neuen Appell an die Sportler der Neuzeit zu richten, einen Appell nach mehr Emotionen und Begeisterung. Niemand möchte auf der CeBiT die sprichwörtlichen Kellerkinder bestaunen, die den Eindruck erwecken, ein dezentes "gg" oder "lol" seien Emotion genug. Denn ist es
nicht genau das, was die Basis einer jeden Sportart begründet? Ob Fan
oder Spieler, wir sollten das Bild des E-Sports prägen - ich spreche
von Leidenschaft.
Emotionale Einöde
Zurück am Vorabend. Einer der Koreaner, ich möchte mir nich anmaßen seinen Namen zu erraten, steht kurz vor einem Allkill, dem glatten Sieg über sämtliche Gegner des gegnerischen Teams. Die Übertragung der Kameras gibt jedoch wenig Aufschluss darüber ob es sich nur um eine gemütliche Runde DotA oder das Overall-Finale handelt. All die Professionalität in Ehren, doch mein Sportler Herz lechzt nach Action und sei es ein Skandal. Abermals erwische ich mich, wie mein Blick zum Fernseher hinwandert. Die vom DSF ausgestrahlte Wrestling Inszenierung reisst mich mehr in ihren Bann als das Nightelf-Mirror im Stream oder die Sparrunde auch de_inferno. Vor zwei Jahren, ja, da konnte man mich noch mit einem Livebild meines Lieblingsspielers locken. Heute locken mich sogar die Bilder-Kommentare einiger minderjährigen readmore-Leser
mehr. Einziger Lichtblick ist nur allzu oft die Tonspur der Geschichte. Wo die alten Hasen Knochen und Khaldor einen sagenhaften Job leisten, schlafen die simultan gefilmten Spieler vor ihren Bildschirmen nicht selten nahezu ein. Ganz speziell die Koreaner haben es verstanden die Zuschauer durch ihre gekonnt reizvolle Mimik in ihren Bann zu ziehen. So klebt mein Blick förmlich am guten alten Röhrenmonitor sobald der Mitschnitt von Moon aufflimmert. Obwohl es für uns Europäer bereits schwierig wird, wenn es darum geht Lyn im Stream optisch von Soju zu unterscheiden, sieht die Sache Live schon anders aus. Durch ihren auffälligen und individuellen Verhaltensmuster gleicht natürlich kein Überseeler dem Anderen: "Lyn, may I have a few questions about your recent success?" - "Me not Lyn!" - Autsch, Lucifer aus dem anderen Team erwischt, hätte man aber an der Clanwear immerhin erkennen können. Nunja, der Mann mit den wohl meisten Words-per-Minute und seine Kollegen von GameSports retten den Strategie Titel schlussendlich vor der absoluten Einschläferung. Kein Wunder also, dass sich sie gesamte Szene auf einige wenige, sonderbare, Individuen stürzt. Auffälligkeiten wie ToDs übergroßes Riechorgan oder Grubbys scharfe Freundin sind da für die Meisten schon absolute Sensation.
Counter-Strike mit Potential
Spieler mit außergewöhnlicher Persönlichkeit sind Mangelware - zumindest augenscheinlich. Doch bei der aktuellen Anzahl an Profispielern ist ein derartiger Schluss äußert unwahrscheinlich. Wie kommt es also, dass sie sämtlich sehr verhalten wirken? Der Ausweg aus dieser Situation ist reichlich verzwickt, denn ob sich die Spieler von fnatic plötzlich das Trikot vom Leib reissen, ein gewisser Herr Lenski nun Progamer wird oder von Lyn Partybilder vom Kiez auftauchen, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Der Schlüssel zu mehr Emotionen liegt vielmehr im Image des E-Sports. Das Bild von einer echten Sportart muss sich dringend intensivieren. Und auch wenn sich schon heute grobe zweihundert User dem Alternate Fanclub auf fragster.de angeschlossen haben, so wäre es bei den Meisten doch sehr gewagt, von leidenschaftlichen Fans zu sprechen. Nichtdestotrotz geht mein Lob klar an die Counter-Strike Community wo für mich ein Aufwärtstrend erkennbar ist. So werten etwa TBH-Fangesänge auf den iFNGs in Stuttgart oder München die Stimmung um ein Vielfaches auf. Entsprechend belohnt werden solche Aktionen allerdings äußerst selten. Vielmehr hagelt es von der "Ich-bin-immer-Kontra"-Fraktion verachtende Blicke. Das Ergebnis ist daher klar: Auch wenn sich die Spieler durch derartige Unterstützung motiviert fühlen ersterben sämtliche Bemühungen in der Regel schnell. Es bleibt also bei der sterilen Atmosphäre und die Luft brennt nur äußerst selten.
Paradoxerweise, scheint sich für die Teams jedoch der verhaltene und ruhige Spielstil auszuzahlen. Beispiel fnatic: Nach dem Sieg auf den NGL ONE Finals, kritisiert cArn scharf die Disziplin der Mäuse, welche eigenhändig und resigniert im Nachhinein als ihre Schwäche, Lautstärke und Emotionalität ausmachen.
Schade, denn genau dafür liebt Deutschland Kapio und seine Jungs. Niemand verlangt, dass ein hochkarätiges Match zum Gather mutiert - Konzentration ist das A und O, doch gibt es sicher auch noch einen Mittelweg. Den scheint bislang aber kaum ein Team zu finden. Dabei wirkt es fast, als unterdrückten viele Spieler ihre Emotionen um sich dem Bild vom perfekten Pro-Gamer anzupassen. Aber warum, denn genau das ist es, was das Publikum immer mehr sehen möchte. Fotografen und Presse zieht es nämlich nicht zu den favorisierten Schweden, welche sich zum Sieg die Schultern klopfen - nein, wesentlich attraktiver ist die Chance, einen tobenden gob b abzulichten, der wild fuchtelnd in Richtung seiner Rivalen gestikuliert. Das was der Fan möchte ist keine Puppe, darauf bedacht das professionelle Image zu wahren - nein, es sind leidenschaftliche Spieler wie walle, der seine Tastatur im Zorn zerlegt. Am Ende sind es doch die kleinen, die unscheinbaren Dinge, die den Reiz am E-Sport für mich ausmachen. Sieg oder Niederlage hin oder her, ich fahre nicht nach Köln, Berlin und München um mir Spiele anzusehen, die sich im Vergleich von Live zu Online nichts schenken. Wenn sich jene sterile Atmosphäre behauptet, dann sollten die nächsten Fanbusse vielleicht lieber die Schachweltmeisterschaft in Bonn ansteuern, denn Stimmung gibt es dort genauso.
Bilderquelle: readmore.de
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Sh4d0wm4n, geschrieben am 02.05.2008 21:30:45




















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