Autor: geschrieben am Mittwoch 03.09.2008 um 23:40 Uhr

Der Blog von csc

Der perfekte Untergang

Der perfekte Untergang - Eine Gesellschaftskritik

Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken" heißt ein an ein bekanntes Sprichwort anlehnender Werbe-Sloagen. Gemeint ist damit natürlich nichts anderes als das Carpe-Diem der Moderne. Diese und weitere Aufmunterungen sind aktuell sehr gefragt. In Zeiten, in denen negative Meldungen aus der Wirtschaft tagtäglich vom Neuen die Leser überraschen, bedarf es einer geheurigen Portion Optimismus. Zu diesem verhelfen auch nicht die paar Gold-Medaillen in Peking, die wir trotz der Dominanz der Chinesen und wundersamen Läufern gewinnen konnten. Und auch der neue (erhoffte) Aufschwung von Jürgen Klinsmann reicht nicht aus.


Gute Zeiten, schlechte Zeiten?

Es herrscht eine düstere Stimmung in diesem Land. Aber warum? Liegt es am ausgebliebenen Sommer oder vielleicht doch eher den erneut steigenden Bahnpreisen?  Nein es ist was anderes. Er ist der Drang zur Perfektion in der deutschen Gesellschaft, es ist der harte bitter Unterschied zwischen dem Traum und der Realität. Es sind die Versuche von Politik, Medienunternehmen und auch einfachen Grundschullehrern alles zu regulieren. Dadurch erhoffe man sich den neuen Aufschwung, die steigernde Leistung der Individualität und sogar eine neue Schicht der Elite. Alle wollen Stars formen.

Eigentlich wollen wir doch alle ein Genie, ein „Star" und ein „Talent" sein. Shows wie „Popstars" und „Germanys Next Topmodel" verdeutlichen diese Tendenz in der Gesellschaft. In jedem von uns steckt ein Star oder etwa nicht? Aber auch in Punkto Bildung lässt sich diese Entwicklung aufzeigen, immerhin versuchen etliche Politiker in diesem Land die so genannten „Elite-Unis" zu erschaffen - auf den Schultern und ferner zu Lasten der einfachen Studenten.

In einer Gesellschaft voller Models (man beachte nur die Werbe-Branche), Stars und Gewinner lebt es sich einfacher, denkt man zumindest. Selbsternannte Experten und automatische Einparkhilfen gibt es (bald) wie Sand am Meer, aber ändern diese was? Eigentlich müsste, so mag man jetzt meinen, die Bilanz positiv ausfallen und Deutschland in Bildung, Wirtschaft und auch im Medaillenspiegel an der Spitze stehen. Prima! Doch scheinbar ist dies - wenn wir ehrlich sind - nur auf dem Papier und nicht in der Wirklichkeit so.


Aktueller Lagebericht: Wohin zeigt der Pfeil?

Aber wo liegen die Ursachen? Immer komplexere Methoden, individuellere Modelle und Formulare regulieren und verbessern den Umgang miteinander, führen aber stattdessen zu Unverständnis. Studiengebühren, Steuererklärungen, Flatrates, Datenschutz und EU-Verordnungen verkomplizieren alles. Keiner weiß mehr bescheid, keiner bekommt mehr eine klare Antwort. Das betrifft sowohl die Support-Hotline bei seinem Provider/Telefonanbieter als auch dem weisungsgebundenen Angestellten in einem Mittelständischen Unternehmen. Oben drauf kommen Gesetze und Formulare, die keiner versteht und praktisch ins Leere laufen, und ein Deutsch-Test für einwanderungsfreudige Menschen, den selbst der Deutschlehrer nicht beantworten könnte. All diese Unwissenheit wird zu Lasten des unbeschollenen Bürgers ausgetragen.

Neuerdings und ungewollt trägt sogar jeder Bundesbürger eine eigene Steuer-Nummer, was eigentlich undenkbar sein sollte nach dem so genannten Volkszählungsurteil aus dem Jahre 1983, das die „informelle Selbstbestimmung" des Einzelnen sichert und unter Schutz der Verfassung stellt. Keine 25 Jahre sieht die Welt jedoch anders aus.

Diese Entwicklung der letzten Jahre macht sich in unser aller Köpfe bemerkbar: Gefordert wird das schier Unmögliche. Egal ob im Job mit Einstellungstest und später unzählige Überstunden (oder gar unbezahltem Praktikum) oder von den Mens-Health lesenden Frauen: Alle suchen den perfekten Menschen, den es aber gar nicht gibt.  


Ist das typisch Deutsch?

Es wird Unmögliches gefordert, mit dem Normal-Zustand gibt sich keiner zufrieden. Das führt zu folgender Überlegung: Haben wir nur ein Image-Problem wie Mc Donalds und brauchen ebenfalls Heidi Klum als Topmodel, die genüsslich in den „Deutschland-Bürger" beißt? Betrachtet man das Fernsehprogramm, insbesondere Sendungen wie „u20 - Deutschland deine Teenies" oder „Das Model und der Freak",  könnte man die vorangestellte Frage wohl zweifelsohne bejahen. Besonders diese beiden Fernsehformate zeigen trotz ihrer markanten „Belustigung" als „Volksverarschung" (Denken wir mal an TV-Total) die Unterschiede zwischen der harten Realität und dem uns in den Medien und der Politik vorgelebten „Soll"-Zustand auf. Jeder wünscht sich den perfekten Menschen...

Und auch in Zeiten, in denen Ed Hardy T-Shirts genauso wie das Spiel „Second Life" längst wieder out sind, scheint der Mainstream in Gestalt dieser harten Realität nahezu im Trend zu liegen. Verlangt wird Individualität und der perfekte Lebens(ver)lauf (beim Bewerbungsgespräch), in Wirklichkeit schwimmt jeder nur noch im Fluss mit und hat nahezu keine eigenen Ideen und Gedanken mehr. Personality war gestern. Willkommen in der Welt der Oberflächlichkeit, willkommen in der Generation Ipod.


Gesellschafts-Kritik oder wachsames Auge?

Böse und berechtigte Kritik an diesem beschrieben System ist gern gesehen, aber bitte nur leise oder wie?  Doch es scheint in diesen Tagen einiges auf der Strecke zu bleiben: Die Freude am Leben, die Momente der Stille und auch der Genus eines guten Weins gehen im Wettlauf mit der Zeit und dem Treiben in „Verbesserungsanstalten" (Wie Uni oder auch das Fitnessstudio) unter.. „Umso höher dein Ziel, desto weiter wirst du kommen" lautet eine vermeintlich schlaue Botschaft. Dem gefolgt würde man wohl nie an sein Ziel ankommen und somit auch nie wirklich glücklich werden?

Think positiv" und setzt dir kleine Zwischenziele, deren Erreichen wie ein Etappensieg gehuldigt werden können. Gemeint ist zwar nicht das Sich-Abfinden-Müssen, aber zumindest die Freude an jedem sonnigen Tag. Mit einem Plan gepaart mit positivem Realismus erreicht man meistens mehr im Leben. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort „Realismus", denn es gibt nun mal nur wenige Plätze in den Vorständen der 30 Dax-Unternehmen. Und auch die schönen Life-Style Mangazine und Gehälterlisten dürfen keine Referenz sein für sein eigenes Bild: 6-stellige Einstiegsgehälter (bei 70 Stunden-Wochen) sind einerseits wünschenswert, anderseits für die meisten von uns auch eher ein Traum, der zur Verzweiflung führen kann. Und selbst wenn man den angestrebten Chef-Sessel innehat, wie lange funktioniert das? Das Burn-Out-Syndrom lässt grüßen.


Weniger Ziele, mehr Spaß

Statt Popstars als Ziel sollte man lieber jeden Tag genießen und sich kleine Überraschungen machen. Denn es sind bekanntlich die kleinen Dinge im Leben, die es lebenswert machen und nicht der wohl für immer unrealistische Porsche vor der Villa im Grünen. Und was nicht fehlen darf ist je eine Prise Selbstbewusstsein und Charisma. In der oberflächlichen Gesellschaft kommt es nicht immer auf den Mainstream an. Brauch ich den Ipod als Statussymbol? Ein eigener Weg ist wünschenswert, leider nie gefordert. Lebe für dich und nicht für deinen Job! Karriere ist wichtig, aber für welchen Preis? Schnell ist man - wie einst Hermann Hesse beschrieb -  „unterm Rad".  Also lass es dir sagen: Leb dein eigenes Leben und nicht das das von Popstars oder Sarah Connor.

... Und wie sagt n-tv Börsenkolumnist Hermann Kutzer in seiner täglichen Sendung immer schön trefflich zum Schluss: „Machen Sie es gut - und machen Sie es besser".  Und dazu von mir noch den passenden Einschub: Und genießt auch mal das Leben.

 
In diesem Sinne,
Conrad „csc" Conrad

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#1 , geschrieben am 03.09.2008 18:34:37
Sehr fein, alles relevante kurz, attraktiv und bündig zusammengefasst :)
#2 Sh4d0wm4n, geschrieben am 03.09.2008 19:43:18
gewohnt stark csc
#3 Missgunst, geschrieben am 03.09.2008 20:14:33
sehr guter artikel
#4 ChaosPhoenix, geschrieben am 04.09.2008 01:24:29
Mal wieder Spaß haben - so einfach schallt es in den Wald hinein, aber "Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen" schallt es wieder heraus. Meißtens von denen, die sich ihre Diäten erhöhen, was paradoxer Weise nichts mit sparen zu tun hat. Dabei waren doch bis jetzt Brot und Spiele immer die Mittel der Wahl, wenn es um eben diese ging.

Aber jetzt sind Müßiggang und Individualismus der Feind, als hätten wir, die Generation iPod heute die Politik von gestern gemacht. Nein, das alles so ist, wie es ist und das scheint ganz schlimm zu sein, liegt auch an uns. Wer sich nicht selbst in eine kleine Box packt, der ist ein Problemkind und wird entweder von der Super Nanny in eine Wuthöhle gesteckt oder muss ich von Ursula wieder die alte Leyer anhören.

Am besten alles gleich, alles standartisiert - eben in kleinen Schubladen oder Kartons, wie auch schon Ms. Reynolds 1962 gesungen hat. Aber ist das nun eine Entwicklung von damals oder kommt alles immer wieder? Sind unsere Kinder die neuen '68er? Oder etwa die neue Wohlstandsgeneration, weil wir ihnen unseren Porsche samt iPod vererbt haben, da wir mitte 40 nach abgeschlossenen Studium endlich Tischler werden durften und zum dank durch Burnout ins Gras gebissen haben.

Aber solange wir noch brennen neiden wir, konkurrieren mit, das etwas Angriffsfläche biete und zeigen wer den schönsten... iPod hat. Dabei geht es auch miteinander, ohne posen, flamen, prollen oder jedes andere Synonym für Arschloch-sein. Man muss nicht wie Hesse "unterm Rad" laden, sondern kann sich auch wie Homo Faber in seine Tochter verlieben und seine rationale Welt in Trümmer legen. Wichtig ist aber wirklich, dass jeder seinen eigenen Platz findet und nicht nur sein will, wie es jemand anderes erwartet. Sonst muss man irgendwann wieder "dem Rad in die Speichen fallen" und arme Schulkinder werden auf ein neues mit Bonhoeffer ähnlicher Literatur gequält. Ich gehe mich jetzt erst noch mal rückwirkend dafür schämen, dass mein Lebenslauf ab der 5. Klasse ungradlinig ist, weil ich auf eine IGS gegangen bin und nicht auf ein Gymnasium. Aber das ist ein anderes Thema..

ps: 1. Hier fehlt eine Trackback Funktion und zweitens: Wo sind meine schönen Absätze hin? Ah.. html geht ;)
#5 wurfl, geschrieben am 04.09.2008 18:42:39
saugut ... spricht mich voll an
#6 griSu, geschrieben am 04.09.2008 21:26:54
Ein schöner Text Conrad, mir gefällt dein Stil ziemlich gut - auch wenn ich nicht alle Argumente teilen mag. Höher, schneller, weiter - zweifsohne eine Prämisse, die uns in vielen Medien und in gewissert Art und Weise auch im täglichen Leben zu vermitteln versucht wird. Das Leben wird zunehmend komplexer und überfordert die bildungsfernen Schichten; Tendenz zunehmend. Und dennoch: Wir scheinen heute nur noch in Extremen denken zu wollen. Die Vielfalt der Lebensstile ist zweifelsohne vorhanden, man erkennt sie nur nicht auf den ersten Blick - vor allem wenn man tagtäglich in seinem eigenen kleinen Paralleluniversum lebt, Kosmos Uni lässt grüßen. Ich mache in den Semesterferien viel in meinem Sportverein und lerne endlich mal wieder einen gesunden Schnitt der Gesellschaft kennen; da ist vom Hartz-IV-Elternhaus bis zum Unternehmerkind alles vorhanden. Interessanterweise haben die meisten Menschen gar nicht die von dir angesprochenen Ziele - die werden zwar immer wieder in den Medien als Idealbild herngezogen, aber viel wichtiger ist den Menschen heute Familie und Geborgenheit.
#7 ChaosPhoenix, geschrieben am 04.09.2008 23:06:40
Es ist ja nicht nur so, dass nur untere Schichten überfordert werden. Was man heute studiert, ist morgen oft schon marktfremd. Es gibt fast immer jemanden mit einem noch graderen Lebenslauf, so dass man sich oft schon Vorwürfe machen muss, dass man in der Grundschule keine Praktika gemacht hat.

Ganz davon abgesehen gibt es mehr ALGII Familien als alles andere, immerhin erhalten 10% der Deutschen ALGII, oft zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit, weil der Lohn nicht ausreicht. Es glaube, Zukunft und Arbeit sind im Moment unsere Angst- und Hassthemen.
#8 csc, geschrieben am 04.09.2008 23:18:37
Ja also natürlich ist der Text subjektiv und indirekt/direkt auch gefüllt mit Themen und Fragen, die mich persönlich betreffen. In der Uni ( Okay im Jura-Studium ) laufen viele naive Studenten rum, die vom Porsche und 100.000e Einstiegegehalt in der Super-Kanzlei träumen und dies auch ernsthaft als Ziel ausgeben - bis sie irgendwann merken, dass es total unrealistisch ist oder einfach unzumutbar. Aber man trifft auch hier und da Personen, die weniger hohe Ziele haben und dennoch unzufrieden sind, aber auch viele Leute, die trotz dieser Sachlage ihr Leben genießen. So oder so - eigentlich sind die meisten aus den genannten Gründen unzufrieden.
#9 griSu, geschrieben am 05.09.2008 04:21:56
Gut, mit solchen Leuten hab ich eher weniger zu tun - bei mir im Studiengang werden fast alle Beamte und die haben solche Sorgen nicht. Es wird immer Menschen geben, die einen besseren Lebenslauf voreweisen können als man selbst und es wird immer Menschen geben, die auch mehr auf dem Kasten haben. Und wenn ich es richtig in Erinnerung habe geht es bei den 10 Prozent nicht nur um Hart IV, sondern um staatliche Zuschüsse - demnach bin ich als Bafögempfänger auch in dieser Gruppe enthalten, genau wie die Grundsicherung im Alter, die letztlich nur eine Verlagerung vom Umlageprinzip auf die Steuerfinanzierung darstellt und daher die Lage drastischer scheinen lässt, als sie eigentlich ist.
#10 pwnface, geschrieben am 14.09.2008 22:52:26
zu faul es zu lesen, aber beim titel musste ich an mymtw denken
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