Autor: geschrieben am Mittwoch 17.09.2008 um 21:06 Uhr

Ein Blog von griSu

Generation gleichgültig?

21 Jahre weile ich mittlerweile schon auf dieser Welt – und spätestens mit dem Beginn des Studiums vor einem Jahr, hat für mich ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Zeit einmal auf die vergangenen Jahre zurückzublicken, aber natürlich auch den Blick in die Zukunft zu wagen.

Vor einigen Wochen war es wieder einmal so weit: Silberhochzeit meiner Eltern, die üblichen mehr oder weniger interessanten Leute, die üblichen und immer gleichen Fragen beantworten. Einige Gesprächsfetzen sind mir dann doch noch im Gedächtnis geblieben, auch wenn merkwürdige schwedische Trinkspiele dies vermutlich verhindern sollten.

Wenn zwei Alt-68er in gemeinsamen Erinnerungen ihrer Jugend schwelgen, am Nebentisch alte Feindseligkeiten zwischen Punkern und Poppern in mittlerweile feinstem Zwirn erneut aufleben, wenn alte Fotos von Verwandten mit bösen Blicken vor Anti-Atomkraft-Transparenten die Runde machen und Diskussionen über den kalten Krieg und Flowerpower wieder entflammen, stelle ich mir eine entscheidende Frage:

Was hält meine Generation eigentlich zusammen? Gab oder gibt es bestimmende Themen in der Jugend der jetzt 20-25 Jährigen?

Selbst die Medien scheinen sich mit dieser Thematik schwer zu tun. Von Generation Google oder Generation iPod ist da etwa die Rede – wahrlich nicht kreativ. So einfallslos sich die Schreiberlinge zeigen, so unspektakulär scheint das Leben in der Jugend der 90er und 2000er doch gewesen zu sein. Große politische Konflikte, für die die Jugend auf die Straße gegangen wäre? Fehlanzeige. Die Anschläge des 11. Septembers 2001 stellen vielleicht die erste halbwegs spektakuläre Wende in unserem noch jungen Leben dar und dennoch fanden nur verhältnismäßig wenig junge Menschen den Weg zu den Demonstrationen. Und außer einigen Anti-Terror-Maßnahmen hat sich doch letztlich auch nichts im Alltag geändert – wen jucken schon die paar Einschränkungen der Bürgerrechte?

Leistungsdruck statt Individualität

Der Lebensstil der Jugend scheint immer angepasster geworden zu sein: Für Jugendsünden oder außerschulisches Engagement ist in der heutigen Jugend längst kein Platz mehr.  Leistungsdruck bestimmt heute vom ersten Schuljahr an die Kindheit, wer nicht mithalten kann, bleibt eben auf der Strecke. Wenn die heutige Jugend noch etwas verbindet, dann ist es der permanente Leistungsdruck. Das Abitur nach acht Jahren und die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge verschärfen die Problematik weiter.

Wo diese Entwicklung in vielen Fällen enden kann, sehen wir tagtäglich bei einem Blick durch die Innenstädte dieses Landes oder in die Zeitung: Perspektivlosigkeit, Gewalt, Drogen- und Alkoholprobleme bestimmen in vielen Fällen das Leben der Zurückgebliebenen. Doch auch die vermeintliche Elite bleibt davon nicht verschont. Alkohol- und Medikamentenmissbrauch haben auch unter Studenten massiv zugenommen.

Zweifellos, das Leben in dieser Generation ist auch von großen Freiheiten und weitgehender Toleranz geprägt. Differenzen im Musikgeschmack bestehen bis heute, aber sie prägen keine ganzen Generationen mehr. Wir sollten aber gewaltig aufpassen, dass die neu gewonnene Freiheit in Kindheit und Jugend, verbunden mit immensem Leistungsdruck, nicht irgendwann in puren Egoismus umschlägt.

griSu

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#1 michilol, geschrieben am 17.09.2008 21:21:31
also ich selbst kenne den Leistungsdruck ja, aber wenn der wille da ist, dann kann man mithalten. Darum würde ich ihn nicht als ganz so schlimm ansehen.
#2 blaze, geschrieben am 17.09.2008 22:05:25
der leistungsdruck ist deutlich zu spüren, vor allem wenn man ganztagsschüler an unserem gymnasium betrachtet oder ich selbst teilweise bis nach der 11. stunde in der schule hocke. man muss einfach sagen, dass normale hobbys wie z.B. ein fußballtraining etc. unter der woche einfach schwer zu realisieren sind, wenn man erst um 18:30 von der schule nach hause kommt und noch hausaufgaben machen muss oder sonstige vorbereitungen. als schüler lebt man heute für die schule - alles andere sollte nachsicht haben. einem angehenden abiturienten, der nebenbei noch arbeiten gehen will / muss ist es extrem schwer überhaupt noch zeit für freunde / familie zu finden. so kann und darf es eigentlich nicht weitergehen...
#3 Platin, geschrieben am 17.09.2008 22:28:48
Ich sehe soviel Potential, wie es vergeudet wird! Herrgott noch mal, eine ganze Generation zapft Benzin! Räumt Tische ab! Schuftet als Schreibtisch-Sklaven! Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos… Machen Jobs, die wir hassen! Kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen! Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute… Männer ohne Zweck, ohne Ziel! Wir haben keinen großen Krieg! Keine große Depression! Unser großer Krieg ist ein spiritueller… Unsere große Depression ist unser Leben… Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars… Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar! Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten... aus Fight Club
#4 csc, geschrieben am 17.09.2008 23:36:44
Also ich glaub einfach, dass dieser Faktor "Leistungsdruck" oder "man muss perfekt" sein schon eine bedeutende Rolle spielt. Fehler, Jugendsünden, Löcher im Lebenslauf oder selbst Fotos von sich mit einem Bier in der Hand bei studivz sind ja nahezu Tabu! Vielmehr ist man schon mit anfang 20 gezwungen, ernsthaft und sklaven-artig ins Leben zu starten - ohne die Spielwiese oder den "Selbstfindungs-Tripp" je nur für wenige Sekunden berührt zu haben. Das war nicht immer so.. Aber vielleicht ist es ja eher der "Luxus" unserer Gesellschaft, dass wir durch diese Möglichkeiten ( Job, Studium, Auslandsaufenthalt, Welterbildung... ) gar keine Pausen und Lücken haben, sondern non-stop "Gas geben" müssen.. Ist das nun gut oder schlecht?
#5 Nisei, geschrieben am 18.09.2008 12:35:13
gab vor ein paar wochen einen zeit-artikel drüber, über unsere generation und deren leistungsdruck. dadurch dass sich unsere gesellschaft gewandelt hat, und viele dinge anders gemacht werden als in den 60ger-70ger jahren, haben sich gesellschaftliche determinaten etabliert, die man meistens wohl oder übel annimmt, weil man einfach angst hat, drei jahre später vor dem nichts zu stehen. wenn es sich aber abzeichnet, dass gewisse konstanten sich geändert haben und ein leben wie vor 30 jahren nicht mehr möglich ist, dann muss man alternativen entdecken seine persönlichkeit zu entfalten, zu entdecken und seinen persönlichen frieden zu finden abseits des stresses. das die alterntive schwerlich alkohol, drogen, party auf dauer heißen kann, ist klar. die frage wo das längerfristige glück zu finden ist, bleibt natürlich individuell, aber vllt reicht es schon ab und zu ein paar determinaten des alltags auszuschalten, auf die man einfluss hat. vllt mal drei tage das handy einfach ausschalten, sich für was kleines zeit nehmen. veränderung und persönlichkeitsbildung fängt nicht immer im großen weltkino an, sondern an den kleinen alltäglichen aufgaben des lebens. manchmal frage ich mich, "womit werde ich abtreten. was habe ich geleistet" und denke dann, dass es möglichweise nichts "großes" war. und dann seh ich mein kind und weiß, dass eine anständige erziehung heututage schon eine große leistung ist.
#6 griSu, geschrieben am 18.09.2008 14:04:51
Ich finds halt relativ schade, dass man, wenn man in 10 oder 20 Jahren auf seine eigene Jungend zurückblickt, eigentlich keine Dinge finden wird, die prägend für meine Generation waren. Manchmal glaube ich, dass das Leben beispielsweise in den 70ern für einen Großteil der Menschen doch lebenswerter war, als das heute der Fall ist. Ich persönlich will mich nicht beklagen, ich bin jemand, der in diese Gesellschaft profitiert und vermutlich mal ein abgesichertes Leben haben wird - das ist aber auf keinen Fall mehr selbverständich. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob viele Menschen nicht einfach zu verklärt in die Vergangenheit schauen und die negativen Aspekte heute gar nicht mehr zu Tage kommen; man sieht ja vielen Menschen aus der ehemaligen DDR, dass viele Dinge mittlerweile heruntergespielt werden, weil sie einfach aus der Erinnerung rutschen.
#7 Inferno_bw, geschrieben am 20.09.2008 13:07:13
Ich frage mich, wenn ich solche Artikel lese, ob ich nur noch von Weicheiern umgeben bin... Es ist eine willkommene Ausrede, eigene Unfähigkeit durch Leistungsdruck erklären zu können. Studenten können ewig studieren, man kann mehrere Ausbildungen machen, es gibt immer mehr Dinge, die man in seiner Freizeit entdecken kann. Das Problem unserer Generation ist, dass man immer gleich On-Top sein will, ohne dafür das ein oder andere Opfer bringen zu wollen. So etwas passt aber nicht zusammen. Unsere Eltern etc hatten ein komplett anderes Leben, andere Voraussetzungen und das sollte man nicht vergessen. Wir können uns einfach mal in den Billigflieger setzen und weg sind wir... Oder wir suchen uns im Kino einen von zehn verschiedenen Filmen aus. Und die 60er und 70er Generation war auch eine, mit ganz anderem Fundament. Das war die Wohlstandsgeneration unserer Nation. Seit doch endlich mal zufrieden auf das was euch geboten wird, weil das ist nämlich massiv! Kriegt die eingeschlafenen und antriebslosen Hintern hoch, habt Freude am Leben und freut euch auf die Dinge, die euch offenstehen.
#8 griSu, geschrieben am 20.09.2008 14:41:41
Das hat doch nicht viel mit Antriebslosigkeit zu tun - ich als Autor dieses Textes gehöre sogar zu den Leuten, die von dieser Situation profitieren. Aber es gibt genügend Menschen, die dabei auf der Strecke bleiben und mit dem Druck und den Anforderungen nicht klarkommen. Aber darum ging es in dem Artikel auch nur sekundär, viel mehr ist doch die Frage, wie man unsere Generation beispielsweise in 10 oder 20 Jahren bewerten wird.
#9 Inferno_bw, geschrieben am 20.09.2008 16:28:54
Welcher Druck denn eigentlich konkret? Noten gab es vor 30 Jahren auch schon, auch konnte man verschiedene Jobs nur mit bestimmten Abschlüssen bekommen... Wie bewertest du denn die Generation deiner Eltern bzw deiner Großeltern?
#10 griSu, geschrieben am 22.09.2008 18:58:20
Die Anforderungen an die Jugendlichen sind nun einmal enorm gestiegen. Schau dir doch einmal die Lehrpläne deiner Elterngeneration und die der heutigen Zeit an. Zentrale Leistungstests, Englisch als Grundvorraussetzung im Berufsleben, möglichst noch mit einer zweiten Fremdsprache. Kenntnisse im Bereich PC, Internet und Datenverarbeitung sind unabdingar. Die meisten "einfachen" Berufe werden zunehmend komplexer; ein Mechaniker kann heute nicht mehr nur einfach rumschrauben, sondern muss sich auch mit der komplizierten Elektronik auseinandersetzen - ja sogar die Reinigungsfachfrau braucht ihre Chemiekenntnisse zum Zusammenmixen der richtigen Putzmittel. Dementsprechend werden viele Jobs von Abiturienten besetzt, die früher noch Realschüler ausgeübt haben. Meine Mutter ist Erzieherin mit einem normalen Volksschulabschluss, heute musst du dafür in Schleswig-Holstein ein abgeschlossenes Studium für nachweisen.
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