Autor: geschrieben am Mittwoch 12.11.2008 um 19:24 Uhr

WCG in der Kritik

Wie man es besser machen kann

Die World Cyber Games haben in der deutschen Großstadt Köln ein würdiges Ende für das Jahr 2008 genommen. Viele Zuschauer kamen und gingen, offizielle Zahlen blieben bislang aus. Fest steht: Im Großen und Ganzen war es ein Event ohne Skandale oder Pannen, oder?

Blicken wir zurück: Die Organisatoren des deutschen WCG-Teams wollten ihre Spieler nicht auf blauen Dunst auf ein so wichtiges Turnier schicken, schließlich war es zu beladen mit Prestige, hohen Preisgeldern und einem elitären Teilnehmerfeld aus allen fünf Kontinenten. Anlässlich dieser Tatsachen wurde eigens für die deutschen Teilnehmer ein Bootcamp geschaffen, das eine optimale Vorbereitung für unsere Landesvertreter garantieren sollte. Training für Körper und Geist: Das Mittel für spielerische Perfektion? Wer weiß, schließlich kann der Glaube laut alten Weisheiten Berge versetzen, warum sollte also ein geistig völlig abgehärteter und bis in die Haarspitzen durchtrainierter Spieler schlechter sein als der Klischee behaftete Gamer, welcher tagtäglich nur Pizza in sich hineinstopft und das berühmte, dunkle  Zuckerwasser in sich schüttet? Nach außen wirkte diese ganze Fassade wie der vorzeitige Einzug zum Wehrdienst, schließlich war man nur wegen seiner spielerischen Qualitäten zu diesem Wettbewerb geladen worden, nicht weil man zehn Kilometer in einer Stunde laufen kann oder die rhetorischen Fähigkeiten eines Willy Brandt besitzt.

Und wenn es drauf ankommt?

Die ganze schweißtreibende und Gehirnzellen strapazierende Prozedur kann aber auch nur dann Früchte tragen, wenn die Betroffenen in der Lage sind, das Gelernte schnellstmöglich und situationsbedingt einzusetzen: Beim Spiel sollte man es ruhig in Vergessenheit geraten lassen, dass man in die Kameras lächeln muss, ansonsten ist man selbst schneller zu Hause als Tim Gebel. Mit diesem Namen schneidet man gleich das nächste Thema an: Die Sanktion gegen einen jungen Mann, der, seiner Ansicht nach, Rücksicht auf seine Gesundheit nahm und deshalb auf idyllische Tage im Bootcamp verzichtete. Die WCG Organisation drehte diesen Spieß prompt um: Man habe schließlich inständig versucht den Nationalvertreter zu erreichen, doch selbiger zeichnete sich durch eine besonders ausgeprägte Form der kommunikativen Ignoranz aus. Damit stand Aussage gegen Aussage, ein weiteres Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit dem heiligen Gral, dem goldenen Fließ und Atlantis gefunden wird.

Solange man sich an die Regeln hält…

Zum Glück machten die World Cyber Games durch eine lückenloses Regelwerk auf sich aufmerksam, dessen Inhalt jedem Schiedsrichter bis ins kleinste Detail eingetrichtert wurde, denn nichts schädigt den Ruf mehr als eine regelwidrige Entscheidung durch Unparteiische, die das Reglement so auslegen, wie es ihnen spontan in den Sinn kommt. Doch zur Enttäuschung aller war dem so. Es wurde zur ernüchternden Gewissheit, dass manch ein Schiedsrichter, selbst in den großen Disziplinen, bei denen es um Tausende von Dollar geht, über ihre Entscheidungen nicht nachdachten oder zum Headreferee gingen, welcher sich dann auch spontan, ohne jegliche Grundlage, eine neue Zeile im Regelwerk ausdachte, um somit seine Position zur Schau zu stellen und andere Nationen zu demontieren.
Wenn niemandem vom Schiedsgericht auffällt, dass ein Three-Way-Tie durchgeführt wird, obwohl der direkte Vergleich bereits Aufschluss über das Weiterkommen zweier Spieler in einer Gruppe geben könnte, ist dies ein Armutszeugnis, an das sich noch viele bis zu den nächsten Spielen erinnern werden. So werden Lücken in den Regeln einfach gefüllt, plötzlich dürfen bei Carom 3D fremde Accounts nicht benutzt werden und ein absichtlich vollzogenes Eigentor bei Fifa 08 in der letzten Minute wird nicht geahndet, im Gegenteil: Das Ergebnis zählt, als ob das Tor durch den Gegenspieler gefallen wäre.

Live auf Sendung!

Aber wen interessieren solche vermeintlichen Kleinigkeiten, wenn man die Spiele der World Cyber Games über die vielen Streams mit einer minimalen Verzögerung verfolgen kann? Niemanden! Doch wenn alle vorstellbaren Videostreamer ihre Möglichkeiten nutzen, ist die Exklusivität dieser Veranstaltung völlig verpufft, niemand würde sie besuchen, weil eine Verfolgung des Turnierverlaufs genauso gut über das Internet möglich ist. Man könnte natürlich auf den „Stars-zum-anfassen“-Faktor setzen, aber warum dieses Risiko eingehen? Lieber ein paar Spiele weniger, umso mehr Fans werden nach Köln kommen wollen, um ihren Idolen auf der Schwelle zwischen Sieg und Niederlage nahe zu sein. Mehr Besucher bringen mehr Geld, mehr Geld ist gut für die Sponsoren und die WCG selbst, eine einfache Rechnung.

Déjà-vus sollten vermieden werden

Optimierungsparameter gibt es bei allen Dingen, bei Autos, der Politik und selbst die fast automatisierten World Cyber Games bergen noch den einen oder anderen Schwachpunkt, dessen Untersuchung und anschließende Korrektur bisher ausgeblieben ist. Dass die Spieler auf ihre kommende Teilnahme an einem so überaus wichtigen Turnier bestens präpariert sein müssen, ist verständlich, doch eine Kontrolle in Form eines Bootcamps scheint teilweise übertrieben, wenn Spieler wegen Abwesenheit, die als Disziplinmangel ausgelegt wird, von diesem Karriere fördernden Event ausgeschlossen werden. Regeländerungen oder Neuerfindungen sind eine Schande für diese nach außen hin optimal strukturierte Organisation, solche Eventualitäten müssen schon vor der Turnierphase erkannt werden, um die weitere Vorgehensweise im Reglement zu definieren. Speziell das vielfache Vorkommen der Neuauslegung diverser Vorschriften ist peinlich für diesen großen Wettbewerb, wofür der WCG-Vorstand bis dato der Öffentlichkeit eine Stellungnahme schuldig bleibt. Der gemeine Fan, der mit Vorliebe mehr Matches dieser Olympiade des Esport als Zuschauer virtuell beigewohnt hätte, muss sich dem vorgegebenen Programm fügen. Immerhin zahlt man als Beobachter über Streams (in der Regel) keinen Eintritt, weshalb Beschwerden angesichts dieser Tatsachen kein Gehör finden werden. Ohne die stetige Kommerzialisierung des Esport in Schutz nehmen zu wollen, ist es völlig rechtens, dass Eintritt zahlende Besucher vor Ort die Matches ihrer Wahl verfolgen können (auch wenn sie dabei aus einigen Metern Entfernung nur den Monitor ihres Lieblings sehen), während die zu Hause Verweilenden sich der virtuellen TV-Zeitschrift ihres Streams fügen müssen.

So bleiben von Seiten der WCG noch viele Dinge ungeklärt, besonders wichtig ist dabei die Klärung der Admin- bzw. Schiedsrichterentscheidungen, welche oftmals zu Ungunsten des Spielers ausgingen, obwohl dieser sich, im engeren Sinne, an die Regeln hielt, weil er eine Lücke entdeckte, die nicht geschlossen wurde. Die Führungsetage konnte einen solchen Missbrauch vermutlich nicht ungestraft lassen, wodurch zu solch drastischen Mitteln gegriffen wurde. Auch der Blick auf Gruppentabellen sollte zukünftig geschärft werden, um diverse Konkurrenten nicht unnötig in Tiebreaker zu schubsen, diese erhöhen schließlich den Druck auf die Spieler, der ohnehin sehr hoch ist. Es bleibt zu hoffen, dass die WCG-Administration in naher Zukunft ihr Regelwerk erweitert, das Personal an Willkür verliert und der Esport wird in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit erregen als er mit solchen Veranstaltungen sowieso schon erhält.

 

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#1 ChackZz, geschrieben am 12.11.2008 19:22:57
Crysma! Zwar schon auf anderen Seiten gelesen, aber schön zusammengefasst.
#2 Knecht, geschrieben am 12.11.2008 22:35:12
sind dann so langsam alle durch? ausführlich ok, zum erbrechen. naja. die esport presse sollte nicht anfangen sein bester feind zu werden
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