Autor: geschrieben am Sonntag 30.11.2008 um 15:47 Uhr

Der mTw Blog

Kontakte im eSport

Ein Knochenjob
Lautes Geschrei vermischt sich mit den Geräuschen von Schüssen und schallenden Moderatorenstimmen. Dann plötzlich: Umarmungen und großzügiger Applaus. Nein, das ist keine Momentaufnahme aus irgendeinem Fußballstadion, ganz im Gegenteil. Der letzte Tag der diesjährigen World Cyber Games ist in vollem Gange und gerade konnte mTw.dk die erste Map gegen SK Gaming im Finale für sich entscheiden. Der Ü16-Bereich ist – zu Recht – bis zum letzten Zentimeter gefüllt und nur noch mit einem Presse- oder V.I.P. Ausweis erreichbar.

Mitten in all diesen zusammengepferchten Menschenmassen: Ich. Irgendwie schaffe ich es dann doch, mich in den vorderen Bereich des Areals direkt vor die Spieler zu drängeln und ein paar Fotos zu machen. Aber nur ein paar, denn nach nur einigen Sekunden schiebt sich eine weitere Kamera direkt vor meine Nase. Fotos machen ist nun doch nicht immer so einfach wie so manch einer wohl denken mag.

Doch wieso habe ich mich eigentlich in den Pulk hineingezwängt? Eigentlich könnte man ja erwarten, dass der Presse die Möglichkeit geboten wird, halbwegs anständige Fotos zu machen. So hatte es auch zuerst den Anschein. Noch bevor die erste Map begann, hatte ich noch kurz die Möglichkeit, mich an den Moderatoren vorbeizumogeln und ein paar Nahaufnahmen zu ergattern, bis mich ein WCG Admin freundlich bat, bitte in das leere Areal neben des Bühnenbereiches zu gehen. So weit so gut, dies alles war dann auch noch in Ordnung, bis der gleiche Admin fünf Minuten später wieder auf mich hinzukam und mich bat, den Spielerbereich komplett zu verlassen. Selbst einige Erklärungen meinerseits, dass ich doch für eines der beiden Teams, die gerade um die Goldmedaille kämpfen, arbeite, wurden mit einem knappen „You have all the photos you need“ abgewürgt.
So hatte ich dann leider im Endeffekt nicht die Fotos, die ich haben wollte, dachte mir aber mit einem säuerlichen Blick auf diverse andere bekannte Redakteure, die die ganze Zeit mit der Kamera hier und da innerhalb des Areals herumwuselten: „Besser als nichts.“


Ein anziehender Duft
Interviews? Kein Problem! Vorausgesetzt, man hat natürlich das gewisse Equipment und den richtigen Draht zu den richtigen Leuten. Ich durfte während der World Cyber Games nämlich folgendes in Erfahrung bringen: Kennen dich die Spieler nicht, wollen sie auch kein Interview mit dir. Das mag auf den ersten Blick vielleicht ungerecht erscheinen – ist es aber gar nicht. Versetzt man sich einmal in die Sichtweise eines Pro Gamers, so merkt man schnell, dass es auf Turnieren für eben diese alles andere als ruhig zugeht. Ständig muss man sich selber dazu zwingen, immer die optimale Leistung abzurufen und sich genauso auf den momentanen Gegner einstellen. Da ist es  nicht verwunderlich, wenn ein Spieler kurz nachdem er entnervt die Gruppenphase überwinden konnte, einfach keine Lust auf ein Interview hat.

Es sei denn, man weiß wies geht. Denn beim Journalismus des Esport ist es nicht sehr viel anders als beim „richtigen“ Journalismus: So ziemlich alles dreht sich um die Kontakte und die Beziehungen zwischen Spielern und Redakteuren. So ist es also nicht verwunderlich, wenn beispielsweise wie bei den World Cyber Games die Spieler direkt nach dem Finale für ein Interview entführt werden. Das Ganze wirkt eher, als sei es eine Selbstverständlichkeit und abgesprochen – was es dann im Endeffekt natürlich auch ist.

Doch wie kommt das eigentlich, dass sich die Spieler so gerne für Interviews mit den großen Seiten zur Verfügung stehen? In erster Linie entsteht dabei ein großer Eigennutz für den Spieler. Wird er von einer großen und bekannten Seite interviewt, kann er auf jeden Fall sicher sein, dass das Interview professionell gehalten und dementsprechend verbreitet wird. So erhält sowohl der Spieler als auch die Seite eine nützliche und sinnvolle Promotion. Michael Jackson würde sich ja schließlich auch nicht von irgendeinem kleinen Käseblatt interviewen lassen.


Vom Käseblatt zur Überregionalen
Nehmen wir also nun einmal an, dieses Käseblatt in Form eines Redakteurs möchte unbedingt einen bedeutenden eSportler interviewen, muss sich also von der Dorfzeitschrift zum Weltblatt hochackern. Was muss man dafür tun? An oberster Stelle steht auf jeden Fall die Eigeninitiative. Man sollte nie erwarten, dass man alles zugeschmissen bekommt oder sich andere um die Probleme kümmern. Selbst ist der Mann! Man sollte also ganz unten anfangen und sich langsam, aber sicher selbstständig nach oben arbeiten. So knüpft man immer mehr Kontakte über das Internet und steht ein paar Wochen oder Monate später auf einmal in einem Clanshirt mitsamt claneigener Spiegelreflexkamera auf einem großen Event.

Um nun an den Spieler XY heranzukommen, ist es natürlich vorteilhaft, wenn man diesen zunächst in einer günstigen Situation erwischt, zum Beispiel wenn der Spieler gerade eine Erholungspause hat. Dann sollte man selbstbewusst auf ihn zugehen und sich vorstellen. Natürlich funktioniert das Ganze viel besser, wenn man jemanden dabei hat, der mit dem Spieler bereits vertraut ist. Besonders wichtig ist es hierbei, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen („Hi, mein Name ist Peter, hast du Zeit für ein Interview?“), sondern das Ganze langsam anzugehen. Dazu empfiehlt es sich, das Thema eSport erst einmal ganz außen vorzulassen und von sich selber zu erzählen; wer man eigentlich ist, was man so macht und wofür man sich interessiert. So kann man leicht in eine Art Smalltalk fallen und der erste Schritt für einen sympathischen Ersteindruck ist geschafft.

Einen Faktor, den man auf keinen Fall unterschätzen sollte, sind die Szenen fernab des Events, wie zum Beispiel die After Show Partys. Dort kann man sich noch ausgelassener und menschlicher geben und leicht beweisen, dass man nicht nur der langweilige Redakteur von nebenan ist, der sämtliche Spieler wegen Interviews nervt. Natürlich ist es keine Erfolgsgarantie, aber es kann sicherlich helfen, sein Ziel zu erreichen.


Von nichts kommt nichts
Nur durch harten Fleiß ist es also möglich, die nötigen Kontakte zu knüpfen. Und hat man dies einmal geschafft, läuft der Rest praktisch ganz wie von selbst. Natürlich gibt es da auch gewisse Unterschiede. Ein Hobbyredakteur, der nur zwei, drei Mal auf ein größeres Event fährt, lässt sich einfach nicht mit einem alten Hasen vergleichen, der schon seit vielen Jahren in der Szene tätig ist und schon auf so vielen Events war, dass er sich an die Hälfte schon nicht mehr erinnern kann. Bei solchen Leuten ist es dann auch nicht verwunderlich, dass sie mit der (Video-)Kamera in der Hand überall herumlaufen dürfen, ohne sich scharfe Töne von irgendwelchen Admins und Securities anhören zu müssen – solange man nicht mit der Kamera schon in den Haaren der Spieler hängt. Man sieht also, dass Kontakte, und sei es nun zu Spielern und Admins, in der oben angesprochenen Situation äußerst praktisch sein können. Und nicht nur da!

Was kann man also abschließend sagen? Es ist auf jeden Fall klar, dass es für das in diesem Blog angesprochene Thema keine Erfolgsgarantie gibt. Die oben genannten Faktoren können zwar zutreffen, sind aber im ersten Sinne nur als Leitfaden anzusehen. Am wichtigsten ist allerdings, dass man selber immer am Ball bleibt und sich so gut es geht selbst motiviert. Man sollte nie zu viel erwarten und sich auch nicht zu hohe Anforderungen stellen.

Das Ganze kann man sich quasi als eine Leiter vorstellen, die anfangs alt und morsch ist, aber mit jedem Schritt einen besseren Zustand erhält. Und irgendwann steht man dann auf Stufen aus reinsten Marmor. Dann ist das Käseblatt auch kein Käseblatt mehr und einem Interview sollte ebenfalls nichts mehr im Wege stehen.

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#1 csc, geschrieben am 30.11.2008 15:22:18
Ja es ist wie im herkömmlichen Medium "Presse" - Kontakte sind alles und man muss immer freundlich sein und überall antanzen, um eine gute Basis zu bekommen.
#2 FeLipE, geschrieben am 30.11.2008 18:53:09
wie recht du hast! Kontakte knüpfen auf Events, ist das Beste was du tun kannst! im irc ist das alles immer ein bisschen schwer, da sich kaum einer vorstellen kann wer du bist wie du aussiehst und was du eigentlich machst
#3 griSu, geschrieben am 01.12.2008 10:37:00
Wie gut, dass sich die Leute nicht zu wichtig nehmen Oo Ein Fußballspieler lebt letztlich vom Interesse der Fans, die kaufen schließlich Trikots und schließen mit Glück mal ein Premiereabo ab - dementsprechend sollten sie auch etwas davon zurückgeben und sind vertraglich dazu verpflichtet. Dementsprechend profitieren die Spieler von den Medien und die Medien machen gutes Geld mit den Spielern. Und beim Esports? Die Unternehmen interessiert doch gar nicht wie das Fanaufkommen für einen Clan ist, da wird einfach fleißig Kohle reingepumpt auch wenn ich gespannt bin, wie die Sponsoringbereitschaft in der Finanzkrise ausfallen wird. Dementsprechend kanns den Spielern auch vollkommen wurscht sein auf welcher Seite ihr Foto auftauch oder was für Interviews sie geben. Die meisten Aussagen sind ohnehin nur bla bla und sofern ein Spieler nicht gerade zugibt, dass er es liebt Killerspiele zu spielen um seine Agressionen abzubauen ist die Gefahr negativer Auswirkungen für ihn gleich 0. Welcher Clan kann es sich heute noch erlauben auf die Persönlichkeit des Spielers zu achten? Aber hauptsache die Freaks können sich mal wieder einige Minuten als Z-Promis fühlen und sich ins Blitzlichtewitter stürzen :)
#4 csc, geschrieben am 02.12.2008 00:08:49
Naja lieber GriSu, dein Kommentar ist ein wenig undifferenziert :)
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