Das neue System
Rettet Tennis die WC3L?
Verfallen wir doch alle für kurze Zeit in monumentale Trauer: Die WC3L wird mit den Finalspielen ihre letzten Atemzüge tätigen, um in einer neuen, dem Geist der Zeit (oder eher der Geldbörse) angepassten Form wieder die Bühne des Esports zu betreten. Viele Clans atmeten auf, auch mTw revidierte die Entscheidung umgehend, sich aus diesem Turnierformat zurückzuziehen. Doch die größte Teamliga der Welt musste dem eigenen Sterben entgegenwirken und zog den vielleicht letzten Trumpf: ein neues Matchsystem. Fraglich bleibt nur, ob dieser Zug ausreichend ist, um einen Verfall dieser großen Liga zu unterbinden.
Wenn Teams zu teuer werden
Die Thematik rund um Rentabilität von Lineups, deren Größe die vier-Spielergrenze bei Weitem übersteigt, ist schon fast veraltet und bedarf keiner Erläuterung. Dennoch bleibt als Fazit die Feststellung, dass der Stimmungswandel vieler Clans in Bezug auf Teamligen in einem schleichenden Prozess voranschritt. Nur wenige dachten nach einem Rückzug von Serious Gaming aus der WC3L Qualifikation sowie der NGL ONE an eine Massenhysterie, die auf alle großen Clans überschwappt, es wurde vielmehr als Eintagsfliege runter gespielt. Später musste dann auch das russische Team von Gravitas Gaming seinen Austritt bekannt geben, primär aus internen Gründen, doch auch der finanzielle Aspekt dürfte eine wesentliche Rolle gespielt haben. Von da an litt jeder, der ein Sterben der Teamligen bzw. der Liga schlechthin, der WC3L, für unmöglich hielt, unter starkem Realitätsverlust. Durch den sinkenden Wert Wettbewerbsformate erhielten einzelne Soloturniere die meiste Aufmerksamkeit, weshalb die NGL ONE im Jahr 2009 wohl eine der größten Rollen einnehmen wird, zum einen durch hohe Preisgelder, zum anderen aber auch mit Hilfe eines hochkarätigen Teilnehmerfeldes.
Doch zurück zu den Teams an sich: Spätestens seit einem Monat kommen viele Manager ins Straucheln, wenn nach der Rentabilität von Squads gefragt wird, die mehr als vier Spieler beheimaten. Auch unser mTw.WC3-Manager rukie sagte, dass „der Kosten-Nutzen-Faktor völlig aus dem Rahmen lief“, was sich bei Spielern, deren Einsätze sich ausschließlich auf Teamevents beschränkt, sehr stark auswirkt. Ohne jetzt nachträglich auf ihnen rumhacken zu wollen, doch ein WinNerS oder Resolver machten im vergangenen Jahr nie durch Soloerfolge von sich reden, aber solche „Teamleichen“ gibt es auch bei anderen Clans zu genüge. Im Zuge dieser Entwicklung war es die Notwendigkeit, sich auf eine neue Ära einzustellen, die dazu führte, dass mTw auf ein Lineup von vier Spielern reduziert wurde. Die Finanzkrise und der damit verbundene Verlust unseres Sponsors AMD tat sein Übriges.
Das Zauberwort heißt Daviscup
Wer hätte vor ein paar Monaten damit gerechnet, dass ein Netz und ein Schläger für den entscheidenden Umbruch in der WC3L sorgen würden? Nein, die Rede ist nicht vom Robbenfang in der Antarktis, sondern von der Sportart, die Boris Becker und Steffi Graf berühmt gemacht haben: Dem Tennis, oder um es präziser auszudrücken, das dem Tennis zugrunde liegenden Daviscup-Turnier. Dieses Format des berühmten Cups, an dem alle Tennisnationen der Welt teilnehmen, soll der WC3L zu alter Stärke und neuem Glanz verhelfen. Das Schema ist dabei sehr einfach gehalten: Zuerst zwei Einzelspiele, anschließend werden von beiden Partien die Gegner getauscht. Abgerundet wird das ganze durch ein Doppel, bei dem die Teams aus zwei beliebigen Spielern antreten. Übertragen auf WarCraft III heißt das im Klartext: Grubby spielt gegen WhO, Moon spielt gegen Eric, anschließend dürfen sich WhO und Moon gegenübertreten und Grubby nimmt Eric auseinander. Das 2on2 am Ende kann von beliebigen Spielern bestritten werden, auch von jenen, die bereits einen Auftritt in zwei Solospielen hatten. Aus organisatorischer Sicht bringt dies viele Vorteile, aber auch Kopfzerbrechen: Zwar kann ein Squad in dieser Liga aus nur noch zwei Spielern bestehen, doch um ein Überraschungsmoment gewährleisten zu können, werden drei oder vier Spieler wohl die Regel, schließlich sollte durch Rassenvielfalt eine gewisse Dynamik gewährleistet sein. Auch der Zuschauer wird zum Nutznießer dieses Systems, da die meisten Teams nicht durch zwei Topspieler der selben Rasse brillieren. Warum das so wichtig ist? Vorher war die WC3L geprägt durch eine Vielzahl an Mirrormatches, da alle Teammanager strategisch so seedeten, dass auf den Startmaps der spezifische Rassenvorteil genutzt wird. Ab jetzt wird von den Spielern Flexibilität auf allen Maps abverlangt, weshalb ein Orc zwar auf Secret Valley gegen einen Untoten antreten kann, aber im Anschluss daran sich einem Menschen auf Death Trap stellen muss.
Fast die beste Lösung für alle
Nicht nur die Teammanager und Zuschauer werden sich an den Veränderungen der WC3L erfreuen, auch eine andere Organisation, die NGL ONE, ist mit Sicherheit entzückt über den Verbleib der WC3L als Teamliga. Somit kann die NGL ONE ihren Kurs als internationale Sololiga der Spitzenklasse ohne Gefahr durch ein ähnliches Konkurrenzmodell einschlagen. Insbesondere der gemeine Zuschauer soll nicht wieder durch langweilige Orc- oder Nachtelfmirrors gelangweilt werden. Sicherlich werden Mirrors einen Großteil der Spiele ausmachen, allerdings zu nur zu maximal 50%, den Rest übernimmt das Daviscupsystem. Doch in so gut wie allen Umstrukturierungen liefert auch dies einen Nachteil, der zunehmend in der Szene spürbar wird: Das stetige Ausmisten von Spielern. Zuletzt waren so viele Spitzenspieler auf dem Markt, als sich 4Kings auflöste. Nun tummeln sich Spieler wie HoT, ToD, FoV oder Happy auf dem Markt, allesamt Topspieler, die sich schon längst ihren Namen gemacht haben und doch nur auf Soloturnieren wiederzufinden sind.
Nichtsdestotrotz ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch diese Elitespieler wieder mit einem Clan identifizieren werden, um auch in der rehabilitierten WC3L wieder mitmischen zu können. Letzten Endes ist mTw das einzige Fallbeispiel für eine Rückkehr in die WC3L, Gravitas oder Serious werden sich wohl auf immer von dieser Liga abgewandt haben. Allerdings ist das neue System die Chance, die Qualität innerhalb der Clans zu steigern, indem die Gesamtzahl der Spieler zwar nach unten korrigiert wird, aber deren individuelle Klasse einen deutlichen Sprung nach oben macht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Vermutung am Schluss bewahrheitet. Wenn ja, hätte die WC3L es durch eine Reform geschafft, das eigene Niveau auf einen höheren Level zu bringen, was sie zu einer besseren Liga machen könnte als sie je war.
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hellusw, geschrieben am 10.01.2009 23:13:17
















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