online Markus 'Makke' Schönborn kein Status
Hannover – Die Musik ist laut. Die Bühne voller Menschen. Hektisch eilen sie umher, kurz vor Beginn der Show. Die Halle ist voll mit Zuschauern. Warm ist es. Diejenigen, die noch keinen Sitzplatz haben, eilen umher um eben diesen noch zu ergattern. Andere stehen, resigniert mit der Aussicht einen Abend lang stehen zu müssen, an der Theke und ordern Getränke. Knapp 1.200 Besucher werden es diesen Abend sein. Eine große Zahl für ein Event, das den Kern der Sache auch ganz ohne Zuschauer abgelten könnte. Das Intel Friday Night Game bietet live in unterschiedlichen Großstädten Deutschlands jeden Freitag einer Saison professionelles Computerspielen. Längst ist aus dem Hobby ein Profisport entwachsen. Zweimal im Jahr werden, ähnlich wie beim Fußball, die deutschen Meister ermittelt. Einmal im Sommer, einmal im Winter. Eben wie beim Fußball. Organisiert wird das von der Electronic Sports League, dem DFB der Computerspieler. Die ESL richtet ihrerseits die ESL Pro Series, das Pendant zur 1. Fußballbundesliga, aus.

Spieler, Teams und Sponsoren schließen feste Verträge

Was die 1.200, meist männlichen Zuschauer bewegt, Gleichaltrigen beim Computerspielen zuzusehen, ist auf den ersten Blick nur schwer nachzuvollziehen. Es ist wohl die Faszination, das eigene Hobby ebenfalls zum kurzzeitigen Beruf machen zu können. Kurzzeitig, weil mit spätestens 27 Jahren die Reaktionsgeschwindigkeit und Hand-Augen-Koordination nicht mehr mit der eines 18 Jährigen Newcomers mithalten kann. Beruf, weil alleine die ESL mit Preisgeldern von bis zu 100.000€ aufwartet und die Spieler längst nicht mehr nach Lust und Laune drauf los zocken. Spieler, Teams und Sponsoren schließen feste Verträge und das bereits auf nationaler Ebene, wo der elektronische Sport noch in den Kinderschuhen steckt. In Hannover ist das erste Spiel des Abends beendet. In der Disziplin Counter-Strike, einem Ego-Shooter im Gewand von Räuber und Gendarm, gewann „Team Alternate“ gegen „n!faculty“. Die eigenartigen Namen scheinen hier niemanden zu stören. „Die gehören halt schon immer dazu“, so ein Zuschauer. In der Tat kann man einen schleichenden Abgang der Anonymität erkennen. Hat man vor zehn bis zwölf Jahren online noch komplett unter Pseudonym gespielt, gibt man sich heute mit seinem kompletten Namen auf offline Events, wie dem Intel Friday Night Game, zu erkennen. So auch Jan ‘moon’ Stolle vom ersten Gewinner-Team des Abends, der dem Moderator auf der Bühne nach dem Match Rede und Antwort steht. Gespannt folgen die Zuschauer dem Interview, geht es doch um Analysen der Taktik und wer wen wie bezwang. Während das Interview läuft beginnen im Hintergrund die Aufbauarbeiten für die nächste und am spannendsten erwartete Disziplin: StarCraft 2. Dieses Strategiespiel lässt sich am besten mit den Worten des koreanischen Spielers Kang Min beschreiben: “Es ist wie Schach, nur in Lichtgeschwindigkeit und mit Explosionen.” Und tatsächlich: Das Spiel beginnt und die Finger der Kontrahenten fliegen mit bis zu zweihundert unabhängigen Aktionen pro Minute über Maus und Tastatur. Diese Spiel ist ein Höhepunkt des Abends. Die Zuschauer bejubeln jeden Zug der Spieler und der nicht sachkundige Zuschauer versteht wieder nicht, warum. Ebenso wie jemand, der von Fußball keine Ahnung hat und sich ständig die Abseitsregel erklären lassen muss. Die Spannung liegt bei StarCraft 2 in der Geschwindigkeit und dem Timing. Spielprinzip: Durch durchdachtes Errichten von Gebäuden eine ausreichende Ressourcengrundlage schaffen, um den Gegner mit einer daraus rekrutierten Armee zum Aufgeben zu zwingen oder seine Gebäude zerstören. Sicher liegt die Begeisterung heute Abend auch in den Sympathien der Spieler gegenüber. Es spielen der extra für den elektronischen Sport von England nach Deutschland gezogene Benjamin Baker gegen den Deutschen Dennis Schneider. Der Brite lässt dem Deutschen keine Chance und zwängt ihm sein Spiel auf. So steht es nach gerade mal fünfundvierzig Minuten zwei zu null und das Match ist gelaufen. Während sich die Profis auf der Bühne messen, misst die Universität Jena auf ihrem eigenen Stand im hinteren Teil der Halle die Reaktionsgeschwindigkeiten von Spielern und Nichtspielern. Dabei vergleichen die Forscher leistungsorientierte Computerspieler mit Sportstudenten der Universität Jena. Der Versuch orientiert sich an der Pilotstudie aus dem Jahr 2009. Das Ergebnis: Die Spieler, die wettbewerbsorientiert Computerspiele spielen, weisen eine signifikant höhere Reaktionsschnelligkeit auf als beispielsweise die Sportstudenten der Universität Jena. Doch heute Abend steht der Spaß und nicht die Wissenschaft im Vordergrund. Nach dem letzten Match des Abends lichten sich die Reihen, die Halle leert sich und es geht zurück nach draußen, in die kühle Freitagnacht.


Anmerkung: Dieses Feature habe ich letztes Jahr geschrieben. Es war mein erstes Feature als journalistische Darstellungsform und war ein Beitrag im Fach Online Journalismus an der Hochschule Hannover.

 
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